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H-NET BOOK REVIEW
Published by H-Soz-u-Kult@h-net.msu.edu (November, 1999)

Ursula Buettner und Martin Greschat.  Die verlassenen Kinder der Kirche.
Der Umgang mit Christen juedischer Herkunft im "Dritten Reich".
Goettingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1998, 151 S.  Bibliographie.  DM 28.00
(taschen), ISBN: 3-525-01620-4.

Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von PD Dr. Guido Mueller
guido.mueller@uni-tuebingen.de, Rheinisch-Westfaelische Technische
Hochschule Aachen

In dieser knapp und eindringlich gefassten Einfuehrung und Dokumentation
legen die beiden Autoren einen besonders heiklen Punkt der modernen
Kirchengeschichte in Deutschland offen: das lange Zeit verdraengte
Versagen der Institution Kirche, ihrer leitenden Instanzen und der grossen
Mehrheit der Christen angesichts der nationalsozialistischen
Judenverfolgung. Dabei werden drei wichtige Einschraenkungen vorgenommen:
Es geht nur um die deutsche evangelische Kirche und um ihre christlichen
Angehoerigen juedischer Herkunft. Seit den Nuernberger Gesetzen waren auch
sie der Diskriminierung und Verfolgung durch den nationalsozialistischen
Staat ausgesetzt. Zudem steht die "Perspektive der Opfer" im Mittelpunkt.
So geht es diesem kleinen Buch sechzig Jahre nach dem Novemberprogrom von
1938 um Bedenken und Erinnerung der "Leiden" und des "Widerstandes".

Die Forschung nach den Motiven, Ursachen und Gruenden fuer das Versagen
und Handeln der kirchlichen Institutionen und ihrer Mitglieder bleibt
damit noch zu leisten. Ein systematischer und differenzierter
Gesamtueberblick ueber die Reaktion der deutschen Protestanten auf die
nationalsozialistische Judenverfolgung steht noch aus. Das gilt aber in
gleicher Weise auch fuer die katholische Kirche und die Katholiken. Weder
die Darstellung von einzelnen Heroen- oder Maertyrerschicksalen noch eine
papstzentrierte oder hierarchische Darstellung ersetzen dabei eine sozial-
und strukturgeschichtliche Untersuchung und Erklaerung. Hier hat auch
dieses Buch Defizite, die allerdings den beiden Autoren selbst nur zu
bewusst sind, da ihr Anspruch eher bescheiden im Bereich der Erinnerung
und Anregung zur weiteren Forschung liegt. Damit werden allerdings schon
ausreichend empfindliche Punkte des christlichen Selbstverstaendnisses und
des kollektiven Eigenbildes der Protestanten beruehrt. Beunruhigung,
Anfechtung und Scham wuenscht sich Martin Greschat als Reaktion der Leser.
(S. 122)

In ihrem ersten Ueberblicksbeitrag behandelt Ursula Buettner die "von der
Kirche verlassenen" deutschen Protestanten juedischer Herkunft im "Dritten
Reich" und die staendige Verschlechterung ihrer Situation wie die der
Juden unter dem Druck der Verfolgung. Dabei kann sie sich in starkem Masse
auf ihre verschiedenen eigenen Untersuchungen stuetzen, die u.a. 1988 als
Buch unter dem Titel "Die Not der Juden teilen. Christlich-juedische
Familien im "Dritten Reich". Beispiel und Zeugnis des Schriftstellers
Robert Brendel" erschien. Auch die in den letzten zehn Jahren erschienen
Arbeiten von Werner Jochmann, Jochen-Christoph Kaiser, Martin Greschat,
Kurt Nowak, Sigrid Lekebusch, Eberhard Roehm und Joerg Thierfelder konnten
den Zusammenhang von protestantischer Judenfeindschaft und der Duldung der
Verfolgung von "Judenchristen" aufhellen. In der kollektiven Erinnerung
der Kirche fanden die Christen juedischer Herkunft und ihre Ausgrenzung
und Verfolgung bis heute keinen Platz - deutlich z.B. im Fall von Viktor
Klemperer, dessen Christentum nicht thematisiert wird. So erfaehrt die
nationalsozialistische rassistisch- biologistische Methode und gewaltsame
Zuordnung zu einer voelkisichen Kategorie im nachhinein noch einmal eine
grausame Bestaetigung, die Anlass zur Reflexion ueber ihre tiefe
Verwurzelung sein sollte. Es fand nach 1933 eine doppelte Ausgrenzung
statt, da die Christen juedischer Herkunft aus ihren eigenen Bindungen
herausfielen und zugleich einer Gruppe zugezaehlt wurden, mit der die
Mehrzahl nichts zu tun hatte und oft auch ausdruecklich nichts zu tun
haben wollte. Aus religioesen und gesellschaftlichen Gruenden hatten sich
die "Judenchristen" in der Vergangenheit oft ebenso scharf vom Judentum
abgegrenzt wie die anderen Mitglieder der christlichen Kirchen. Nach 1918
waren die Kategorien von "Volkstum, "Wesen" und "Rasse" so populaer im
deutschen Protestantismus geworden, dass die Fremdheit, das Misstrauen und
die Ausgrenzungen gegenueber den getauften Christen in den eigenen Reihen
stark zunahmen. Eine Folge war aber auch, dass noch lange nach 1945 keine
Ueberwindung der antijuedischen religioesen Traditionen thematisiert wurde
oder gar stattfand. Es gab kein Bewusstsein dafuer, gegenueber den aus dem
Judentum stammenden Christen etwas versaeumt zu haben oder ihnen gar
besonders hilfreich begegnen zu muessen. So lehnte es der Leiter des
Hilfswerks der Evangelischen Kirche in Deutschland, Eugen Gerstenmaier,
entschieden ab, fuer die evangelischen Christen juedischer Herkunft,
soweit sie die Verfolgung ueberlebt hatten, eine besondere
Unterstuetzungseinrichtung zu schaffen. (S. 68)

In drei exemplarischen Beitraegen wird die Biographie einzelner
Persoenlichkeiten dargestellt. Martin Greschat behandelt mit Marga Meusel
die Leiterin einer diakonischen Einrichtung in Berlin, die selbst zwar
nicht juedischer Herkunft war, aber mit ihrem vergeblichen Bemuehen um
Hilfe fuer die als Juden verfolgten Mitchristen das Versagen ihrer Kirche
besonders deutlich erfuhr. Mit dem Juristen Friedrich Weissler stellt M.
Greschat das Schicksal eines von der antijuedischen Gesetzgebung
betroffenen Mitglieds der Bekennenden Kirche dar. Weissler glaubte an eine
oeffentliche Distanzierung seiner Kirche von der NS-Gewaltpolitik und
musste seinen Irrtum mit der Ermordung im Konzentrationslager bezahlen.
Ursula Buettner schliesslich eroertert am bekannten Fall des evangelischen
Dichters Jochen Klepper die kleine Gruppe von Christen und Christinnen,
die Opfer der Verfolgung wurden, weil sie zu ihren juedischen
Familienmitgliedern hielten. Er ging mit der Ehefrau und der juedischen
Stieftochter schliesslich in den Tod, als er sie vor der Deportation nicht
mehr schuetzen konnte.

Immer wieder: Isolierung und Vereinsamung innerhalb der eigenen Kirche,
gespiegelt in drei Schicksalen: ""'Nichtarische' Christen fuehlten sich in
ihren Kirchen sehr allein." (S. 148) Aber auch: Versagen der Mehrheit der
Protestanten und ihrer Institutionen. So schrieb Klepper noch vor der
Progromnacht 1938: "Wir stehen erschreckt vor dem Faktum, mit welcher
Gleichgueltigkeit die Christen, auch in Deutschland! an dem Geschick der
Juden voruebergehen, geschweige denn, dass sie erkennten, wie ernst Gott
hier mit den Christen redet." (S. 149) Hannah Arendt erinnert sich spaeter
an das Jahr 1933: "Das Problem, das persoenliche Problem war doch nicht
etwa, was unsere Feinde taten, sondern was unsere Freunde taten. Was
damals in der Welle von Gleichschaltung (geschah), die ja ziemlich
freiwillig war, jedenfalls noch nicht unter dem Druck des Terrors vorging:
das war, als ob sich ein leerer Raum um einen bildete." (S. 26) Weit ueber
den konkreten historischen Gegenstand hinaus gibt diese Beobachtung Anlass
zur Frage, wieweit solche gesellschaftlichen Mechanismen der
"Selbstgleichschaltungen" Teil unserer Moderne geworden sind und wie heute
Ausgrenzungen stattfinden. Sowohl in diesem Geiste einer christlichen wie
einer sozialen Herausforderung und auch im Sinne einer kritischen
historischen Selbstreflexion ist diesem ansprechend zusammengestellten
Taschenbuch eine weite Verbreitung in der politischen Bildung innerhalb
wie ausserhalb der Kirchen zu wuenschen.

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