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Victor Farias. Los nazis en Chile. Barcelona: Seix Barral, 2000. 586 S. filler. DM 49.80 (taschenbuch), ISBN 84-322-0849-3.

Reviewed by Frank-Rutger Hausmann, Seminar fuer Romanische Philologie, Freiburg .
Published by H-Soz-u-Kult (January, 2001)

Victor Farias, aus Chile stammender Philosoph, der seit 1974 an der Freien Universitaet in Berlin lehrt, ist vor einigen Jahren durch sein in ueber zehn Sprachen uebersetztes Heidegger-Buch bekannt geworden [1]. Jetzt widmet er sich einem zwar weniger spektakulaeren, darum aber nicht minder fesselnden Gegenstand von hoher Aktualitaet, dem Ausmass der Nazifizierung der deutschen Kolonie in Chile in der Zeit von 1933-1945 sowie dem Grad der Hinwendung der Chilenen zu Nazi-Deutschland.

In einem umfangreichen Kapitel werden die Aktivitaeten der Auslandsorganisation (AO) der NSDAP untersucht, die sich vor allem auf Schulvereine, evangelische Kirchengemeinden und Kaufmannsverbaende stuetzen konnte und grosse Teile der deutschstaemmigen Chilenen bzw. der Auslandsdeutschen an sich band. Die Idee der 'Fuenften Kolonne' war hier nahezu verwirklicht. Die wissenschaftliche Betreuung Chiles und anderer lateinamerikanischer Laender erfolgte durch die sog. Ibero-amerikanischen Institute in Deutschland, von denen das in Berlin am wichtigsten war. Da grosse Teile seiner Aktenbestaende im Geheimen Staatsarchiv Preussischer Kulturbesitz in Berlin erhalten sind, konnte das Wirken dieses Instituts plastisch herausgearbeitet werden. Es stand vom 1.4.1934 bis zum 20.11.1936 und dann wieder ab dem 1.3.1938 unter der Praesidentschaft des ehemaligen Generals Wilhelm Faupel, der 1911-1914 und erneut 1926 als Militaerberater in Argentinien und von 1936 bis 1930 als Generalinspekteur der peruanischen Armee im Range eines Generalleutnants gedient hatte und Land und Leute weiter Teile Lateinamerikas sehr gut kannte. Seine Taetigkeit als Botschafter bei Franco (20.11.1926-27.8.1937) blieb hingegen nur Episode, da er selbst dem Caudillo zu reaktionaer war [2]. Dass ihm die Beziehungen zu chilenischen Militaers, den 'Preussen Suedamerikas', besonders am Herzen lagen, versteht sich von selber.

Farias zeigt die engen Verflechtungen, die zwischen der chilenischen Armee und der grossdeutschen Wehrmacht bestanden. Sie betrafen insbesondere die Entsendung von deutschen Ausbildern und Waffenkaeufe. Nicht anders verhielt sich die chilenische Diplomatie, die vom einfachen Konsul bis zum Berliner Botschafter offen mit den Nazis kollaborierte. Botschafter Tobias Barros Ortiz gab sogar regelmaessig die ihm vom chilenischen Aussenministerium ueberlassenen Dienstinformationen an deutsche Amtsstellen weiter und erfuellte damit den Tatbestand des Hochverrats. Auch hier war Faupel eine der treibenden Kraefte. Ob die militaerische und die diplomatische Kollaboration aber wirklich Einfluss auf den Gang der politischen Ereignisse nahm, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Eher marginal war auch der kulturelle Austausch, sieht man von den namenlosen chilenischen Stipendiaten ab, fuer die 1937 in Berlin sogar ein 'Chilenisches Haus' eroeffnet werden sollte, das dann mangels finanzieller Mittel bzw. wegen des bald ausbrechenden Weltkriegs nicht mehr realisiert wurde. Immerhin entsandte Chile mit der Saengerin Rosita Serrano, die chilenische "Nachtigal", und dem Pianisten Claudio Arrau zwei populaere Kulturtraeger nach Deutschland, die das international weitgehend isolierte Land in der NS-Zeit nicht nur aufwerteten, sondern ihm auch einen Hauch von Weltlaeufigkeit verliehen. Die Serrano, die mit der Schwedin Zarah Leander oder der Ungarin Marika Roekk zu den bekanntesten Vertreterinnen der leichten Muse gehoerte, fiel 1943 in Ungnade und kehrte in ihre Heimat zurueck. Arrau verliess Deutschland bereits 1941, aber er hatte durch seine Auftritte bewusst viel zur Aufwertung des Nationalsozialismus beigetragen.

Episodenhaft blieb auch die Zusammenarbeit auf den Gebieten der Rassenhygiene und des Volksgerichtshofs, wo sich die Chilenen als gelehrige Schueler der Deutschen erwiesen. Um das 'bastardisierte' Chile im Sinne deutscher Rassenhygiene 'aufzubessern', fuehrten chilenische Aerzte mehrere Tagungen mit der eigens 1935 gegruendeten 'Deutsch-iberoamerikanischen Aerzteakademie' durch und kamen zu Hospitationen nach Deutschland. Da verwundert es nicht, dass der nach dem Krieg nach Chile gefluechtete SS-Standartenfuehrer Walther Rauff, der Erfinder der mobilen Gaskammern, die im Vernichtungslager Chelmno eingesetzt wurden, weder von der christdemokratischen Regierung Frei noch von der linkssozialistischen Regierung Allende ausgeliefert wurde. Die Flucht deutscher Nazis nach Lateinamerika, die nur noch indirekt zum Thema des Buchs gehoert, haette durchaus eine Vertiefung verdient. Rauffs Untaten galten nach chilenischem Recht als verjaehrt. Die auf Betreiben des Deutschchilenen Max Junge noch kurz vor Kriegsausbruch durchgefuehrte Expedition nach Patagonien und in die Antarktis, waehrend der 350.000 Quadratkilometer vermessen wurden, sorgte in beiden Laendern fuer ein gewisses Aufsehen.

Die hier besprochene Untersuchung verdient selbstredend eine deutsche Uebersetzung. Allerdings eignet sich der spanische Text in der vorliegenden Fassung nicht fuer eine solche. Wichtiges wird nicht von Unwichtigem geschieden, manche Informationen moegen fuer ein hispanophones Publikum noetig sein, sind aber fuer deutschsprachige Leser entbehrlich, z.B. die gelegentlichen Verweise auf Heidegger (S. 45, 60, 87 u.oe.) oder die breiten Ausfuehrungen zu NS-Eugenik. Andererseits sind einige Kapitel zu episodisch, um generelle Aussagen zu ermoeglichen, z.B. Kap. III,2, IV,5, VI,6. Der Verfasser waere in jedem Falle gut beraten, wenn er sein Manuskript grundlegend ueberarbeitete und die auffaelligsten Maengel beseitigte. Diese betreffen zunaechst einmal kleinere sachliche Fehler (z.B. S. 85 die Gleichsetzung von Deutsch-Suedwestafrika mit Kamerun, S. 107 die Bezeichnung des REM als 'Kultusministerium', S. 327 Anm. 37 die Gleichsetzung von Polen mit dem Generalgouvernement usw.) und Verschreibungen (durchgehende Falschschreibung von Max Planck als Plank, S. 24 erscheint das Deutsche Auslandsinstitut in Stuttgart als 'Deutsch Auslands Institut', S. 29 wird aus Goerlitz 'Goetlitz', S. 79 Anm. 135 aus Franz Werfel 'Wertel', S. 107 Anm. 27 aus dem Findbuch ein 'Pfindbuch', S. 227 Anm. 144 aus dem Heiligen ein 'Heitliger' Vater, S. 239 Anm. 8 aus Heinz Hoehne 'Hoehe' usf.), Dutzende von Trennungsfehlern, Auslassungen und Verdrehungen in den Angaben deutscher Primaer- und Sekundaerliteratur sowie schlampige Zitierweisen (das immer wieder zitierte Buch von Gaudig/Veit [3] wird nicht mit Tiel nachgewiesen, S. 25 Anm. 10 wird ein Aufsatz von Oliver C. Gliech als nicht bibliographierbare Monographie ausgewiesen usw.).

Das Buch besteht ueber weite Strecken aus dem Abdruck von Originaldokumenten (z.B. S. 242-274, ein einziges Memorandum, und zwar 'Informe confidencial sobre el problema nazi en Chile. Elaborado por don Marcial Martinez Prieto') bzw. Namenslisten (S. 455-586), die meist die Mitgliedschaft von Deutschchilenen in NS-Organisationen betreffen. Soweit der Leser sie nicht ueberschlaegt, muss er sich durch diese sperrigen Seiten hindurchquaelen. Sicherlich, der Originalwortlaut von Dokumenten hat etwas Beschwoerendes und erleichtert gelegentlich das Verstaendnis der angesprochenen Sachverhalte, aber hier wird eindeutig zu viel des Guten getan. Die Aushebung der Materialien ist zweifellos das groesste Verdienst des Verfassers, insbesondere solcher aus chilenischen Archiven. Was die deutschen Archive angeht, so ist durch die Neuordnung der einzelnen Teile des Bundesarchivs eine grosse Veraenderung eingetreten, der der Verfasser nur selten Rechnung traegt. Die den Untersuchungszeitraum betreffenden Stuecke aus den auf S. 16f. angegebenen Archiven Document Center Berlin-Dahlem, Bundesarchiv Berlin, Bundesarchiv Koblenz sowie das nicht vermerkte, aber haeufig zitierte Bundesarchiv Potsdam duerften jetzt alle im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde konzentriert sein. Das Bundesarchiv Aachen ist wohl das Bundesarchiv Aachen-Kornelimuenster; das Geheime Staatsarchiv Berlin muesste den Zusatz 'Preussischer Kulturbesitz' erhalten.

Doch die Zusammenstellung von Archivmaterialien ergibt noch kein kohaerentes Buch. So fehlen selbst Ansaetze einer Ursachenforschung, um zu erklaeren, warum die Auslandsdeutschen in Chile, wie uebrigens die Auslandsdeutschen in den meisten anderen Laendern auch, so schnell und vorbehaltlos den Verlockungen des Nationalsozialismus anheimfielen. Hier waere an das Trauma von Versailles und den Verlust der Weltmachtstellung Deutschlands zu erinnern, aber auch daran, dass die meisten Auslandsdeutschen noch durch die Staatsvorstellungen des Kaiserreichs gepraegt waren und Demokratie nie wirklich kennengelernt hatten. Pangermanismus [4] und Kolonialismus [5] lauten die Schlagwoerter. Da die USA aufgrund der Monroe-Doktrin Lateinamerika als ihren Vorhof betrachteten, neigten viele Staaten des Subkontinents einer Annaeherung an Deutschland zu, und sei es nur, um ihre Unabhaengigkeit zu dokumentieren. Dies erklaert ihre lange Neutralitaet und ihren spaeten, eher formellen Kriegseintritt auf Druck der Vereinigten Staaten.

Die chilenisch-deutschen Beziehungen im 'Dritten Reich' koennen nur schwerlich isoliert betrachtet werden. Spaetestens am 'Dia de la Raza' (12. Oktober) 1937 hatte Bernhard Rust, Reichsminister fuer Erziehung, Wissenschaft und Volksbildung, in einem Festvortrag im Ibero-Amerikanischen Institut Berlin eine verstaerkte Beschaeftigung der deutschen Universitaeten, Schulen und sonstigen Bildungs- und Forschungseinrichtungen mit Lateinamerika gefordert. Diese Bestrebungen sind im Rahmen einer von mehreren Ministerien (Auswaertiges Amt, Propaganda-, Erziehungs-, Wirtschaftsministerium u.a.) getragenen auswaertigen Kulturpolitik zu betrachten, die selbst in den Kriegsjahren, als der Verkehr mit Uebersee ausserordentlich schwierig war, nicht ganz zum Erliegen kam [6]. Hinzu kommt, dass spaetestens seit der Gruendung der 'Ueberseedeutschen Forschungsgemeinschaft' im Jahr 1934, einer von fuenf Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften, die Betreuung des Ueberseedeutschtums eine hohe Prioritaet besass [7]. Waehrend Deutschland in oekonomischer, technischer und militaerischer Hinsicht in Lateinamerika schon immer anerkannt war, waehrend seine Musik und seine Philosophie hohes Prestige genossen, waren die kulturellen Beziehungen ansonsten eher fluechtig, da sich die lateinamerikanischen Eliten nach Frankreich und England ausgerichtet hatten. In dieser Hinsicht bestand demzufolge Nachholbedarf, und dies wollte Rust mit seiner Rede 1937 zum Ausdruck bringen. Diesbezueglich haette man sich von Farias noch mehr Aufschluesse gewuenscht, zumal es ja in Santiago ein Deutsch-chilenisches Kulturinstitut gab [8].

Doch das Bild, das Farias zeichnet, ist sicherlich zu 'braun'. Nicht alle Deutschen in Chile waren Nazis. Irmtrud Wojak hat gezeigt, dass immerhin 13000 deutsch-juedische Fluechtlinge und 300 politische Emigranten ihr Fluchtziel Chile zwischen 1937 und 1939 erreichten. Im Nationalarchiv in Santiago befinden sich Visaantraege von etwa 10000 Fluechtlingen, die durchaus auf Sympathien linker Kreise im Lande zaehlen konnten [9].

Das Fehlen einer Bibliographie wie auch eines Namensregisters erschwert den Ueberblick ungemein. Dennoch gewinnt man den Eindruck, dass dem Verfasser, der ohne Zweifel eine wichtige Pionierarbeit vorgelegt hat, der Stand der Forschung, wie ihn z.B. das voluminoese Handbuch der deutschsprachigen Lateinamerikakunde dokumentiert [10], eher gleichgueltig war. Darin kann man genau erkennen, dass es in fast allen Bereichen der Kultur seit Beginn des 19. Jahrhunderts einen lateinamerikanisch-deutschen Austausch gab, der sozusagen die Pre-histoire der von Victor Farias nachgezeichneten Beziehungen im 'Dritten Reich' darstellt, die zu kennen fuer deren Verstaendnis unabdingbar scheint.

Anmerkungen:

[1]. Victor Farias, Heidegger und der Nationalsozialismus. Mit einem Vorwort von Juergen Habermas, Frankfurt a.M. 1989.

[2]. Vgl. jetzt: Biographisches Handbuch des deutschen Auswaertigen Dienstes 1871-1945. Band 1: A-F. Bearbeiter: Johannes Huerter u.a., Herausgeber: Auswaertiges Amt - Historischer Dienst -, Maria Keipert u. Peter Grupp, Paderborn usw. 2000, S. 544-545.

[3]. Olaf Gaudig / Peter Veit, Der Widerschein des Nazismus: das Bild des Nationalsozialismus in der deutschsprachigen Presse Argentiniens, Brasiliens und Chiles 1932 - 1945, Berlin-Mannheim 1997.

[4]. Michel Korinman, "Deutschland ueber alles". Le pangermanisme 1890-1945, Paris: Fayard, 1999.

[5]. Vgl. z.B. den Beitrag von Oskar Schmieder / Herbert Wilhelmy, Das deutsche Landvolk in Suedamerika. Begleitworte zu zwei Karten, in: Lebensraumfragen europaeischer Voelker. Bd. II: Europas koloniale Ergaenzungsraeume, hrsg. von K.H. Dietzel / O. Schmieder / H. Schmitthenner, S. 354-373. Es handelt sich bei diesem Aufsatz zu einem Beitrag im sog. Kriegseinsatz der Deutschen Geisteswissenschaften (Aktion Ritterbusch) vom Jahr 1941, der alle aussereuropaeischen Gebiete unter dem Titel 'koloniale Ergaenzungsraeume' abhandelt!

[6]. Einzelheiten bei Frank-Rutger Hausmann, "Vom Strudel der Ereignisse verschlungen". Deutsche Romanistik im "Dritten Reich", Frankfurt a.M. 2000 (Analecta Romanica, 61), S. 468-515.

[7]. Michael Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die 'Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften' von 1931-1945, Baden-Baden 1999, S. 440-468 u.oe.

[8]. Thomas Braeutigam, Hispanistik im Dritten Reich. Eine wissenschaftsgeschichtliche Studie, Frankfurt a.M. 1997 (Editionen Iberoamericana A, 13), S. 229-250.

[9]. Irmtrud Wojak, Chile, in: Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933-1945. Hrsg. von Claus-Dieter Krohn, Patrik von zur Muehlen, Gerhard Paul und Lutz Winckler, Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft 1998, S. 193-203 (vgl. dort auch die Eintraege zu Argentinien, Bolivien, Brasilien, Ecuador, uebriges Lateinamerika, Uruguay). Die Ausfuehrungen ueber die deutsch-juedische Einwanderung, zu der Farias (S. 181-190) einige Aussagen macht, waeren in dieser Hinsicht noch zu differenzieren.

[10]. Handbuch der deutschsprachigen Lateinamerikakunde. Hg. von Nikolaus Werz, Freiburg i.Br.: Arnold-Bergstraesser-Institut 1992 (Freiburger Beitraege zur Entwicklung und Politik, 11), passim.

Document compiled by Dr S D Stein
Last update 28/10/01 17:06:48
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