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Bernhard R. Kroene/Rolf-Dieter Mueller/Hans Umbreit. Organisation und Mobilisierung des deutschen Machtbereichs. Kriegsverwaltung, Wirtschaft und personelle Ressourcen 1942 - 1944/45. Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg 5/2. Stuttgart: DVA, 1999. xiii + 1082 S. . DM 78.00 (taschenbuch), ISBN 3-421-06499-7.

Reviewed by Dr. Lutz Budrass, Lehrstuhl Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Ruhr-Universitaet Bochum. Published by H-Soz-u-Kult (April, 2000)

Fortsetzungen haben ihre Tuecken. Je spaeter sie erscheinen, desto mehr erhofft sich der Leser von ihnen. Schon weil die Fortschritte der Forschung verarbeitet werden mussten, ist die hier in Rede stehende Fortsetzung neugierig erwartet worden: der zweite Halbband des fuenften Bandes der monumentalen Reihe "Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg", herausgegeben vom Militaergeschichtlichen Forschungsamt (MGFA). Elf Jahre gingen seit dem Erscheinen des Halbbandes 5/1 ins Land, und unsere Erkenntnisse zur Sozialstruktur der Wehrmacht, zur deutschen Besatzungspolitik und auch zur Ruestung des Dritten Reiches sind unterdessen gruendlich revidiert worden. Eben diesen Themen widmen sich abermals Hans Umbreit, Rolf-Dieter Mueller und Bernhard Kroener: Der Kriegsverwaltung, der Wirtschaft und den personellen Ressourcen des Deutschen Reiches zwischen 1942 und 1944/45.

Umbreits Beitrag schliesst nahtlos an die Darstellung von 1988 an. Endete er dort mit einem Ausblick auf "Hitlers Europa", so bildet die Beschreibung der deutschen Besatzungspolitik in Kontinentaleuropa nun den ersten von zwei Teilen seines Beitrags. Das Besatzungsregime in den besiegten und den ehemals verbuendeten Laendern folgte der Radikalisierung des nationalsozialistischen Regimes. Schwierigkeiten wurden stets und auch gegen die Interessen an einer Mobilisierung der Ressourcen mit verschaerften Repressionen beantwortet. Die Hoeheren SS- und Polizeifuehrer marginalisierten die Militaerbefehlshaber und die deutsche Zivilverwaltung unterdessen regelmaessig. Die Besatzungspolitik verschaerfte sich gerade im Osten derart, dass die Radikalen der ersten Stunde wie etwa Hans Frank im Generalgouvernement, Karl Hermann Frank im Protektorat und Wilhelm Kube in Weissrussland schliesslich jene waren, die im Interesse einer effizienten Ausbeutung vor der weiteren Intensivierung des Terrors warnen mussten. Dennoch, eine demonstrativ zur Schau getragene Unerbittlichkeit stellte den Schluessel zum Aufstieg im Besatzungsregime dar. Der deutsche Machtbereich zerfiel am Ende in zahlreiche Prokonsulate, in denen ein "vertikal aufgesplittertes Besatzungsregime" laehmende Reibungsverluste produzierte.

Die Politik dieses Regimes folgte zwei Hauptmotiven, der oekonomischen Ausbeutung und der Umsetzung des rassistischen Programms. Die besetzten Laender mussten, dies zeigt Umbreit im zweiten, systematisch gegliederten Teil seiner Untersuchung eindringlich, zuerst und vor allem den Krieg naehren. Sie waren ein Reservoir fuer Arbeitskraefte und Lebensmittel, leisteten horrende Wehrbeitraege und hielten durch ihre Rohstoffe die deutsche Ruestungsindustrie in Gang. Eine wie auch immer verstandene kulturelle Hegemonie war angesichts dessen Makulatur. Kollaborateure aller Stufen, auch die Volksdeutschen in den annektierten polnischen Gebieten, galten als mehr oder minder verachtete Erfuellungsgehilfen, die fuer geringe materielle Vorteile deutsches Militaerpersonal fuer die Front freimachten, sofern sie nicht selbst fuer die diversen fremdvoelkischen Verbaende des Heeres und der Waffen-SS rekrutiert wurden. Die gewisse Wertschaetzung der Voelker in West- und Nordeuropa brachte dort ein im Vergleich zu Ost- und Suedosteuropa milderes Regime hervor, obschon sich die Verhaeltnisse in den letzten Monaten des Krieges anglichen. Der Mord an den Juden bildete indes den programmatischen Kern der "inneren Neuordnung" Europas, wenn er auch zeitweilig im Sinne des Sicherheitsbeduerfnisses der Besatzungsmacht als Partisanenbekaempfung bemaentelt wurde.

Seinem Standardwerk von 1988 hat Umbreit mithin den Schlussstein angefuegt. Die Kritik richtet sich daher auch nicht gegen den empirischen Gehalt, sondern vielmehr gegen das Handlungsmodell von Umbreits Untersuchung. Es mag wohl sein, dass der Krieg noch laenger gedauert haette, wenn die Ressource des Antikommunismus unter den Voelkern Osteuropas effektiver gegen die Sowjetunion eingesetzt worden waere, oder wenn eine weniger brutale Rekrutierung von Arbeitskraeften wenigstens eine stoerungsfreie Nutzung der industriellen Kapazitaeten der besetzten Laender ermoeglicht haette. Die juengere Forschung folgt Umbreit aber nur noch bedingt, wenn er das Uebergewicht der "ideologischen Prinzipien" im "Zwiespalt zwischen Dogma und Nuetzlichkeitserwaegungen" als Ursache der Exzesse unter der deutschen Besatzung herausarbeitet. Ist doch ihr faszinierendes Ergebnis, dass gerade diese "Nuetzlichkeitserwaegungen" das deutsche Besatzungsregime zu einem derartigen Ungeheuer haben werden lassen. Gerade jenen, die sich der rationellen Beherrschung des deutschen Besatzungsgebietes verschrieben, draengte sich die Einsicht auf, dass es in Hitlers Europa ein paar Millionen "nutzlose Esser" zu viel gab. Ein eiskalter Technokrat wie Backe hat den Massenmord Hand in Hand mit dem versponnenen Ideologen Rosenberg vorangetrieben. Ideologie und Opportunitaet in einen Widerspruch zu setzen, heisst, diese Erkenntnis zu vernebeln.

Die "Menschenoekonomie" als treibende Kraft der deutschen Politik waehrend der Kriegszeit wird in allen drei Teilen des Bandes behandelt. Dem unersaettlichen Bedarf nach Arbeitskraeften, Hilfswilligen und Soldaten auf den Grund geht aber Bernhard Kroener. Sein erstes Kapitel gilt der Zeit zwischen Sommer 1942 und Fruehjahr 1943, das zweite behandelt die Jahresspanne zwischen Sommer 1943 und Sommer 1944. Jedes dieser Kapitel laesst sich wiederum grob in zwei Abschnitte gliedern. Einen, der den Arbeitseinsatz an der Heimatfront mit seinen vielfaeltigen Veraestelungen behandelt und einen zweiten, in dem Kroener die Ersatzgestellung der Wehrmacht darlegt. Diese verbundene Betrachtung allein ist und war auch schon im Band 5/1 die grosse Leistung Kroeners. Er beschraenkt sich nicht darauf, die Begruendung zu wiederholen, die in allen Arbeiten zur Zwangsarbeiterbeschaeftigung angefuehrt wird, auslaendische Arbeitskraefte seien rekrutiert worden, um die eingezogenen Facharbeiter zu ersetzen, sondern er sucht eine Antwort auf die keineswegs einfache Frage, warum die Wehrmacht eigentlich so viele Soldaten brauchte.

Diese methodische Innovation wird freilich mit gewissen Beschraenkungen erkauft. Kroener belaesst es dabei wie schon im Band 5/1 nur die fuer die personelle Ruestung verantwortlichen staatlichen Stellen zu untersuchen und blickt nicht etwa auch in die Industrieunternehmen. Fuer die Oekonomie der Darstellung mag dies bedingt notwendig sein. Wenn voellig unterschiedliche Akteursgruppen betrachtet werden, dann droht die Untersuchung in zwei unverbundene Teile zu zerfallen. Gegen diese Auffassung ist freilich auch einzuwenden, dass das Wesen der personellen Ruestung seit der Zerschlagung des Wehrwirtschafts- und Ruestungsamtes gerade darin bestand, dass die Wehrersatzbehoerden so gut wie keinen Austausch mehr mit jenen Stellen pflegten, die sich um Arbeitskaefte kuemmerten. Es gibt daher in beiden Kapiteln Kroeners ziemlich abrupte Brueche bei der Ueberleitung vom Arbeitseinsatz zum Wehrersatz.

Aus diesem Grund waere der Komplex des Arbeitseinsatzes wohl besser in Muellers Teil zur Ruestungspolitik behandelt worden. Zwar praesentiert Kroener auch hier neue Erkenntnisse zu einzelnen Aspekten, etwa zu den Auftragsverlagerungen in die besetzten Gebiete, zur Arbeit der in Deutschland verbliebenen Juden oder zur Ernennung der Arbeitseinsatzingenieure. Da er jedoch Mr. Hyde ohne Dr. Jekyll, Fritz Sauckels Zwangsarbeitssystem ohne Albert Speers Ruestungsmaschinerie untersucht, sind die Abschnitte zum Arbeiterbedarf in der Kriegswirtschaft insgesamt blass. Die Einrichtung des Generalbevollmaechtigten fuer den Arbeitseinsatz, die Stufenfolge der Einbindung von Kriegsgefangenen, Zivilarbeitern und KZ-Haeftlingen werden souveraen referiert; die Darstellung bleibt aber in vorgezeichneten Bahnen.

Wie anders die Abschnitte zur Ersatzgestellung der Wehrmacht. Schon im Band 5/1 hatte Kroener mit einer nuechternen Analyse der Statistiken dargelegt, welches Ausmass die personellen Verluste der Wehrmacht annahmen. Der ruecksichtslose Einsatz von Soldaten war bis zum Ende das Kennzeichen der deutschen Kriegsfuehrung und in mancher Hinsicht war er sogar das Geheimnis der Erfolge in den ersten Kriegsjahren. Der nicht enden wollende Vormarsch in der Sowjetunion kostete jedoch so vielen kriegserfahrenen Soldaten das Leben, dass Fehlstellen im Heer von der Jahreswende 1941/42 an nicht mehr gleichwertig besetzt werden konnten. Generale wie der Chef des Allgemeinen Heeresamtes, Friedrich Olbricht, oder der Chef der Heeresruestung, Fritz Fromm, die Denkschriften ueber die absehbare Eskalation der blutigen Verluste verfassten, wurden indes ins Abseits gedraengt. Kroeners Gegenstand ist eine verantwortungslose Wehrmachtsfuehrung, die Jahrgang auf Jahrgang unbarmherzig ins Feuer schickte, bis der "Krieg der Kinder und Greise" Wirklichkeit geworden war. Im Herbst 1943 starben 150.000 deutsche Soldaten im Monat.

Da sich die Ruestungsstellen, namentlich Albert Speer, zunehmend gegen Einziehungen von u.k.-Gestellten sperrten, musste die Wehrmacht mehr und mehr Planstellen in Versorgungseinheiten reduzieren, um "Kaempfer an die Front" zu bekommen. Schliesslich blieb nur noch eine Reform der Verbaendestruktur, um jene Million Maenner zu gewinnen, die das Heer Ende 1943 benoetigte. An der Umgliederung zeigt Kroener eindringlich, wie ausweglos die Lage war. Abgekaempfte Divisionen sollten aus propagandistischen Gruenden nicht aufgeloest werden. Deshalb entstand mit der Infanteriedivision neuer Art ein Verband, dessen infanteristisches Element erhalten blieb, waehrend die technischen Einheiten stark reduziert wurden. Da aber diese neuen Divisionen ebenfalls ihre Sollstaerke nicht halten konnten, ergab sich nach kurzer Zeit abermals ein Missverhaeltnis zwischen Versorgungs- und Fechtender Truppe, so dass wieder das muehselige "Auskaemmen" begann, um Kaempfer fuer den vordersten Graben freizumachen. Als 1944 dann doch die Entscheidung fiel, zerschlagene Verbaende aufzuloesen und ihre Reste zu neuen Einheiten zusammenzufuegen, zeigte sich, dass der Einsatzwert der neuen Divisionen geringer war, weil ihre innere Bindung verloren gegangen war, die urspruenglich etwa durch das landsmannschaftliche Prinzip noch bestanden hatte.

Im Zusammenhang mit der Umgliederung beleuchtet Kroener ein bislang wenig beachtetes Phaenomen, den Einsatz der "hilfswilligen" sowjetischen Kriegsgefangenen. Schon im Herbst 1942 lag der Anteil der Hilfswilligen bei 10 bis 12 % der Iststaerke der deutschen Divisionen im Osten. Bei der Einfuehrung der Infanteriedivision neuer Art wurde ihr Anteil auf fast 20 % der Sollstaerke festgelegt. Die Wehrmacht schoepfte Ihren Ersatz schliesslich aus Siebzehnjaehrigen, die wegen der Verschlechterung der Ernaehrungsbedingungen buchstaeblich noch nicht erwachsen waren, und aus mehr oder minder zwangsweise rekrutierten Auslaendern. Es ist die grosse Leistung Kroeners, die Tragik dieses Strukturwandels offengelegt zu haben, vor dessen Hintergrund die durch die gleichen Zwaenge bewirkte soziale Oeffnung des Offizierskorps, die er in einem umfangreichen Exkurs untersucht, als alles andere, aber nicht als Modernisierung erscheint.

Rolf-Dieter Mueller hatte sich schon 1988 festgelegt, dass er nicht allein die Ruestungspolitik in der zweiten Kriegshaelfte resumieren wolle, sondern zugleich den "Durchbruch eines neuen Konzepts der Lenkung und Leitung". Und so ist sein Beitrag, der etwa die Haelfte des Bandes einnimmt, nicht der Sache allein, sondern auch dem Mann gewidmet, der fuer diese neue Konzeption stand. Es geht um "Albert Speer und die deutsche Ruestungspolitik im Totalen Krieg."

Mueller beginnt mit zwei chronologisch-systematisch gegliederten Kapiteln, in denen der politische Aufstieg Speers zum "Ruestungsdiktator" und der Durchbruch seines "neuen Konzepts" bis in die zweite Haelfte 1944 geschildert wird. Dem schliesst sich ein Kapitel zu den "volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen" der Ruestungsproduktion an, das von der Sicherung der Grundstoffproduktion, ueber die Energie-, Verkehrs-, Bau- und Landwirtschaft hin zur Konsumgueterproduktion bis zur Versorgung der Bevoelkerung reicht. Erst dann dringt Mueller zum systematischen Kern, der eigentlichen Ruestungsproduktion vor. Die Prioritaetensetzungen in den Besprechungen mit Hitler werden angesprochen, sodann folgt eine Betrachtung der vordringlichen Programme der einzelnen Wehrmachtsteile, anschliessend werden die Ergebnisse der Ruestungsproduktion aufgereiht und schliesslich findet sich noch ein Abschnitt zu den sogenannten Wunderwaffen. Als Abschluss werden die ruestungspolitischen politischen Entwicklungen in der Agonie des Reiches geschildert.

Aus diesem Gang der Argumentation wird der Anspruch Muellers deutlich, die deutsche Ruestung in der zweiten Kriegshaelfte umfassend darzulegen. Es gelingt ihm auch, einen Eindruck von den enormen, aber letztlich vergeblichen Anstrengungen zu vermitteln, die Wehrmacht mit Waffen zu versorgen. Die Fuelle wird jedoch nur scheinbar gegliedert. Da Mueller darauf verzichtet, Schwerpunkte in der Darstellung zu setzen und vielleicht da und dort einmal die Probleme bei der Produktion einer Waffe stellvertretend fuer viele andere darzustellen, produziert er eine Flut von Einzelheiten, in denen sich der geneigte Leser hoffnungslos verliert. Nicht einmal die bilanzierenden Teile werden dabei von allgemeinen Eroerterungen zu Grundfragen der materiellen Ruestung oder immer wieder eingeschobenen Betrachtungen ueber die Motive Albert Speers getrennt. Seine Eroerterungen zur Kampfkraft der Wehrmacht und das ziemlich zentrale Problem "Technik und Wehrmacht" legt Mueller hingegen hoechst unscheinbar im Kapitel zum "Ruestungsausstoss 1942 - 1944" ab. Doch enttaeuscht er auch die Hoffnung, dass diese chaotisch aneinandergereihten Aspekte in der Summe ein Gesamtbild der deutschen Ruestung ergeben. Nahezu alle Waffen bis hin zu einzelnen Granatwerfer-, Pak- und Gewehrtypen finden Aufmerksamkeit. Der bekanntlich nicht produzierten deutschen Atombombe widmet Mueller fast zwanzig Seiten. Das Kernprodukt der deutschen Ruestung 1943/44, das Flugzeug Bf 109, dessen Herstellung mehrere hunderttausend Arbeiter und einen betraechtlichen Teil der Ressourcen band, erwaehnt er hingegen nicht ein einziges Mal.

Es kann nicht erwartet werden, dass ein Autor die ganze Literatur rezipiert, die mittlerweile zum Thema erschienen ist. Die Lueckenhaftigkeit ist jedoch zu einem guten Teil auf den Umstand zurueckzufuehren, dass Mueller nicht auf dem Stand der Forschung argumentiert. Weder die Daimler-Benz-Buecher von Pohl/Habeth/Brueninghaus bzw. Hopmann/Spoerer/Waitz sowie Neil Gregor werden aufgenommen, noch die Arbeiten von Petra Braeutigam und Astrid Gehrig, noch Mark Spoerers Darstellung der Unternehmensgewinne. An dem Buch von Mommsen und Grieger konnte man kaum vorbeisehen, jedoch beruecksichtigt Mueller keinen einzigen der zahlreichen Aufsaetze von Manfred Grieger. Man kann zu den Arbeiten von Karl-Heinz Roth stehen wie man mag; er hat aber in den letzten zwanzig Jahren hoechst innovative Impulse zur Geschichte der Ruestung im Dritten Reich beigetragen. Um so verwunderlicher ist, dass Mueller nicht einen einzigen Aufsatz, geschweige denn dessen Daimler-Benz-Buch beruecksichtigt, und - obwohl er auf die Verlagerung Goldfisch eingeht - den darin enthaltenen bahnbrechenden Aufsatz von Rainer Froebe. Die Luecken beschraenken sich jedoch nicht auf Unternehmensgeschichte. Die Darstellungen Gustavo Cornis zur Landwirtschaft bleiben ebenso unerwaehnt. In Anlehnung an einen ehemaligen Mitstreiters im MGFA, Horst Boog, handelt Mueller das Verhaeltnis von Wehrmacht und Technik einzig und allein unter dem schraegen Begriff "Maengel des Technikverstaendnisses" ab. Schon mit der Handbuchliteratur - etwa Joachim Radkaus Darstellung - waere dieser Abschnitt besser gelungen. Radkaus Buch wird aber ebenso souveraen ignoriert wie etwa jenes von Michael Geyer zur Ruestungspolitik. Wer jedoch glaubt, Muellers Auswahl sei durch sekundaere Interessen oder gar ein Zitierkartell im MGFA entstanden, taeuscht sich: Seine Darstellung des "Ruestungswunders" kommt ohne einen Aufsatz von Richard Overy zu diesem Thema aus, der fuer eine andere Publikation des MGFA eigens ins Deutsche uebersetzt wurde. Statt dessen werden ganze Passagen aus zwanzig und dreissig Jahre alten Buechern referiert; und dies auch noch ungenau. Was sollen seitenlange Ausfuehrungen ueber horrend steigende Unternehmensgewinne nuetzen, wenn sie mit einer aus Eichholtz' Kriegswirtschaft entnommenen Tabelle illustriert werden, aus der hervorgeht, dass die Umsatzrendite der IG-Farben seit 1939 ruecklaeufig war (S. 471)? So ist Muellers Beitrag ein einziger Triumphzug fuer Dietrich Eichholtz. Es gibt im ruestungswirtschaftlichen Teil Muellers kaum einen Aspekt, der nicht in Eichholtz' Baenden von 1983 und 1996 knapper und reflektierter abgehandelt worden waere.

Doch Muellers eigentliches Problem ist Albert Speer. Seine These lautet im Kern, dass Speer die militaerische Ruestungsverwaltung durch eine selbst ersonnene Ruestungsorganisation abloeste, in der Unternehmer und Techniker die Waffenproduktion zu neuen Hoehen trugen. Die Behauptung, dass die Ruestungsorganisation der Militaers schwerfaellig und inkompentent gewesen sei, hat dabei schon axiomatisches Gewicht. Jedenfalls wird sie nicht belegt. Ebensowenig kann Mueller die natuerliche "Rationalitaet" des Handelns von Unternehmern belegen, da er so gut wie keine Quellen aus Unternehmensprovenienz verwendet. Der Aufstieg Speers wird erstens mit den Akten erzaehlt, die Speer selbst fuer die Nachwelt gerettet hat, zweitens jener Chronik, die schon waehrend des Krieges zum Zwecke der Ueberhoehung des Ruestungsministers angefertigt wurde und drittens Speers Nachkriegstexten. Das Ergebnis ist eine literarisch-psychologisierende Betrachtung. Es wimmelt von "introvertierten Generalen", "bulligen Ruestungsmanagern", "asketischen Intellektuellen" und "Cholerikern mit Leutnantsjargon". Zuweilen versteigt sich Mueller zu abenteuerlichen Schlussfolgerungen. Dass er auf die gesundheitliche Gefaehrdung der KZ-Haeftlinge hingewiesen habe, die in den Untertagewerke untergebracht wurden (S. 363), diese Rechtfertigung Speers haette einer Pruefung bedurft. Dass die Krankheit des Ruestungsministers im Winter 1943/44 "psycho-somatische Folge" einer "Verdraengung" des Mordes an den Juden war (S. 341), hat noch nicht einmal Speer selbst gewagt zu behaupten. Ebensowenig, dass "die Angelsachsen ... kein Interesse daran (hatten), durch gezielte Schlaege einen schnellen Zusammenbruch der Ruestungsproduktion zu erreichen" (S. 365).

Mueller kommt schliesslich durchaus zu der Erkenntnis, dass ihm ein notorischer Luegner die Feder gefuehrt hat. So weist er erstmals nach, dass Speer die Produktionsbilanzen faelschte (S. 753f.), und zwar gerade jene vom Juli 1944, die seit dem Ende des Krieges als der wichtigste Beleg fuer das sogenannte Ruestungswunder gilt. Angesichts der Gefahr fuer seine Kernthese unterlaesst es Mueller jedoch, Speers Legenden ueber die deutsche Ruestung der zweiten Kriegshaelfte insgesamt in Frage zu stellen. Daraus ergibt sich eine bisweilen unverstaendliche Argumentationsfuehrung. Seitenlang entlarvt Mueller beispielsweise die klaeglichen Anstrengungen der SS zur Errichtung ihres "Wirtschaftsimperiums", und kommt dann zu dem Schluss, dieses von Speer geschaffene Trugbild sei dennoch "zweifellos mehr als ein Phantom" gewesen. Allerdings fehlen Mueller auch die Begriffe, um die Speersche Ruestungsorganisation zu beschreiben, da er die Merkmale des "neuen Konzepts der Lenkung und Leitung" meist in Wortbilder - "Straffung" - fasst. Die Folge ist eine Haeufung von Widerspruechen (bspw. S. 343), deren Aufloesung Mueller letztlich entgeht, indem er im Galopp das Pferd wechselt und den "nuechternen Rechner" Hans Kehrl zum eigentlichen Mentor des Ruestungswunders macht.

Vielleicht auch, um die Erwartungen nach dem langen Warten zu daempfen, schliesst das Vorwort des Bandes 5/2 mit einer Vertroestung. Der Umzug des Forschungsamtes von Freiburg nach Straussberg habe bei allen Haerten immerhin die Moeglichkeit geboten, neue Wissenschaftler zu gewinnen, die in den ausstehenden Baenden 9 und 10 sozialgeschichtliche Segmente an das Gesamtwerk anfuegen und auch der Mentalitaets-, Kultur-, und Alltagsgeschichte zu ihrem Recht verhelfen wuerden. Diese Ergaenzung ist wegen des Fortgangs der geschichtswissenschaftlichen Diskussion sicher nuetzlich. Es stellt sich aber die Frage, ob das MGFA es aus demselben Grund und angesichts der Bedeutung der Reihe bei diesem Resuemee der Kriegs- und Ruestungswirtschaft belassen will.

Document compiled by Dr S D Stein
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