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H-NET MULTIMEDIA REVIEW
Published by H-Soz-u-Kult@h-net.msu.edu  (November, 1999)

Der Nuernberger Prozess. Das Protokoll des Prozesses gegen die
Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militaergerichtshof 14
November 1945 - 1. Oktober 1946. Mit einer Einfuehrung von
Christian Zentner;  Digitale Bibliothek Reihe, Nr. 20. Berlin:
Directmedia Publishing GmbH, 1999.  1 CD-Rom.  DM 99.00, ISBN
3-932544-25-0.

Reviewed for H-Soz-Kult by Karsten Linne
karsten.linne@t-online.de, Stiftung fuer Sozialgeschichte des 20.
Jahrhunderts - Hamburg

Nachdem das Protokoll des Nuernberger Prozesses gegen die
Hauptkriegsverbrecher bereits 1947 in Buchform erschien - spaeter
gab es noch einen Reprint und eine Mikrofiche-Ausgabe -, liegt es
nun in digitaler Form auf einer CD-Rom vor. Der "Jahrhundertprozess"
gegen die Spitzenfunktionaere des Dritten Reichs fand, gefuehrt von
den vier alliierten Siegermaechten, vom 14. November 1945 bis zum 1.
Oktober 1946 in Nuernberg statt. Der Prozess ging als der
"Nuernberger Prozess" in die Geschichte ein, was dazu fuehrte, dass
man die zwoelf sogenannten "Nachfolgeprozesse" weitaus weniger
beachtete. Bis heute blieb der Prozess Gegenstand von oeffentlichen
und wissenschaftsinternen Debatten. Bei den Voelkerrechtlern war und
ist er aufgrund seiner Vorbereitung, der Rahmenbedingungen und
Begleitumstaende umstritten; demgegenueber neigen die
Geschichtswissenschaftler zu einem positiveren Urteil und nutzen die
Prozessunterlagen als eine wichtige zeitgeschichtliche Quelle. Auf
die Prinzipien von Nuernberg wird bei den Ueberlegungen zur
Einrichtung neuer internationaler Kriegsverbrechertribunale immer
wieder rekurriert.

Plaene zur Bestrafung der Hauptschuldigen an Weltkrieg und
Massenverbrechen gab es bei den Alliierten schon lange vor
Kriegsende. Nach und nach einigte man sich auf die Einrichtung eines
Militaergerichtshofs, dessen Zustaendigkeit sich auf folgende
Verbrechen erstrecken sollte: Verbrechen gegen den Frieden (Planung,
Vorbereitung und Fuehren eines Angriffskriegs), Kriegsverbrechen
(Verletzung der international anerkannten Kriegsgesetze), Verbrechen
gegen die Menschlichkeit (Mord, Ausrottung, Versklavung, Deportation
oder andere unmenschliche Handlungen, begangen an einer
Zivilbevoelkerung). Nach zweihundertachtzehn Verhandlungstagen
wurden in diesem Mammumtprozess die Urteile verkuendet. Drei der
Angeklagten (Franz von Papen, Hjalmar Schacht, Hans Fritzsche)
wurden freigesprochen, vier Angeklagte (Karl Doenitz, Konstantin von
Neurath, Baldur von Schirach, Albert Speer) erhielten Strafen
zwischen zehn und zwanzig Jahren), drei Angeklagte (Walter Funk,
Rudolf Hess, Erich Raeder) erhielten eine lebenslange Haftstrafe.
Die uebrigen Angeklagten (Hans Frank, Alfred Jodl, Ernst
Kaltenbrunner, Wilhelm Keitel, Wilhelm Frick, Hermann Goering,
Julius Streicher, Arthur Seyss-Inquart, Fritz Sauckel, Alfred
Rosenberg, Joachim von Ribbentrop) wurden zum Tode durch den Strang
verurteilt. Zur gleichen Strafe wurde - in Abwesenheit - auch Martin
Bormann verurteilt. Robert Ley hatte waehrend des Verfahrens
Selbstmord veruebt, Hermann Goering gelang dies unmittelbar vor
seiner Hinrichtung. Angesichts der Fuelle des von Anklage bzw.
Verteidigung praesentierten Materials und nicht zuletzt wegen der
zentralen Position der Angeklagten im nationalsozialistischen
Herrschaftssystem sowie der Tatsache, dass der Prozess die erste
Bilanz der nationalsozialistischen Herrschaft darstellte, bildet das
Protokoll nach wie vor eine ueberaus wichtige Quelle fuer die
Zeitgeschichtsschreibung.

Auf der CD-Rom, die den Baenden 1 bis 23 der amtlichen Textausgabe
des Internationalen Militaergerichtshofs in deutscher Sprache folgt,
werden neben dem ueber 16.000 Seiten umfassenden Protokoll auch die
Anklageschrift, das Urteil und die juristischen Grundlagen sowie
weitere Materialien des Prozesses (Mitglieder des Gerichts, der
Anklage und der Verteidigung etc.) praesentiert. Hinzu kommt eine
knappe, aber nuetzliche Einleitung von Christian Zentner. Ebenfalls
recht hilfreich sind die beigefuegten zeitgenoessischen Register
(Sach-, Personen-, und Dokumentenindex), die mit ihrer
Hypertextfunktionalitaet einen direkten thematischen Zugang bieten.
Abgerundet wird die CD durch eine von 1918 bis 1945 reichende
Zeittafel sowie ein Literaturverzeichnis zum Prozess und den
verhandelten Themen, das allerdings etwas veraltet erscheint und
durch die neuere Literatur ergaenzt werden sollte.

Die CD wendet sich natuerlich primaer an Wissenschaftler, ist nicht
zuletzt dank ihres guenstigen Preises aber auch fuer Lehrer,
Studenten und Journalisten durchaus interessant. Die benoetigten
Systemvoraussetzungen sind erfreulich gering: Man braucht einen PC
ab 486er, 8 MB RAM (16 MB empfohlen), eine Grafikkarte ab 640x480
Farben und als Systemplattform Windows 3.11, 95, 98 oder NT. Die
zugehoerige Software ist selbst fuer Anfaenger problemlos
installier- und leicht handhabbar. Die Benutzeroberflaeche ist
uebersichtlich gestaltet, wodurch die Navigation leicht faellt. Die
Suchfunktionen sind bei allen CDs der Digitalen Bibliothek gleich
gestaltet und wurden bereits in frueheren Rezensionen geruehmt. Zu
Recht, wie ich meine, da sie ueber die Boolschen Operatoren,
Klammern und Platzhalter selbst komplexe Volltextrecherchen
erlauben. [Ein Beispiel fuer eine - zugegebenermassen sehr einfache
- Suche sei hier als Screenshot eingefuegt: (nur in der Web-Version
einsehbar)]

Das gesuche Wort kann, wie im oben gezeigten Beispiel, temporaer
markiert werden, wodurch man es im Text leichter findet. Darueber
hinaus kann sich der Benutzer eine Fundstellenliste anzeigen lassen
und zwischen den einzelnen Fundstellen hin- und herwechseln.
Textpassagen und ganze Seiten koennen kopiert und in den eigenen
Texten weiterverarbeitet werden. Hier muss man ein kleines Manko der
Software erwaehnen: Das Kopieren eines Textzitats ueber das
Seitenende hinaus ist nicht moeglich. Allerdings kann man bis zu
acht Seiten am Stueck ueber die Zwischenablage des Programms
kopieren, wodurch dieser kleine Schoenheitsfehler fast ausgeglichen
wird.

Als praktische Nutzanwendung dieser Kopierfunktion und der
Weiterverarbeitung des kopierten Textes sei hier ein Ausschnitt aus
der Aussage von Otto Ohlendorf, dem Leiter der Einsatzgruppe D,
praesentiert, die mit zu den Schluesselszenen des Prozesses gehoerte
und Goering zu einem Wutausbruch veranlasste. Die Distanziertheit,
Kaelte und Praezision, mit der Ohlendorf hier den Massenmord zugab
und schilderte, wird selbst im geschriebenen Wort noch deutlich:

 "OBERST AMEN: Wissen Sie, wieviele Personen durch die Einsatzgruppe
 liquidiert wurden, und zwar unter Ihrer Fuehrung?

 OHLENDORF: In dem Jahre von Juni 1941 bis Juni 1942 sind von den
 Einsatzkommandos etwa 90000 als liquidiert gemeldet worden.

 OBERST AMEN: Schliesst diese Zahl Maenner, Frauen und Kinder ein?

 OHLENDORF: Jawohl. (...)

 OBERST AMEN: Wissen Sie, wie diese Zahlen sich zu der Zahl der durch
 andere Einsatzgruppen liquidierten Personen verhalten?

 OHLENDORF: Die Ziffern, die mir von anderen Einsatzgruppen bekannt sind,
 sind erheblich groesser.

 OBERST AMEN: Worauf ist das zurueckzufuehren?

 OHLENDORF: Ich glaube, dass in den anderen Einsatzgruppen zu einem
 erheblichen Teil die Zahlen uebertrieben wurden. (...)

 OBERST AMEN: Haben Sie persoenlich Massenhinrichtungen dieser Leute
 ueberwacht?

 OHLENDORF: Ich bin bei zwei Massenhinrichtungen inspektionsweise dabei
 gewesen. (...)

 OHLENDORF: Nach der Registrierung wurden die Juden an einem Ort
 zusammengefasst. Von da aus wurden sie dann spaeter an den
 Hinrichtungsort gefahren. Der Hinrichtungsort war in der Regel ein
 Panzerabwehrgraben oder eine natuerliche Gruft. Die Hinrichtungen wurden
 militaerisch durchgefuehrt, durch Pelotons mit entsprechenden Kommandos.

 OBERST AMEN: Wie wurden sie zum Hinrichtungsort hinbefoerdert?

 OHLENDORF: Sie wurden mit LKWs an die Hinrichtungsstaette gefahren, und
 zwar immer nur soviel, wie unmittelbar hingerichtet werden konnten; auf
 diese Weise wurde versucht, die Zeitspanne so kurz wie moeglich zu halten, in der die
 Opfer von dem ihnen Bevorstehenden Kenntnis bekamen, bis zu dem Zeitpunkt
 der tatsaechlichen Hinrichtung.

 OBERST AMEN: War das Ihre Idee?

 OHLENDORF: Jawohl.

 OBERST AMEN: Und was geschah mit den Leichen, nachdem die Leute
 erschossen waren?

 OHLENDORF: Sie wurden in dem Panzergraben oder in der Gruft beerdigt.

 OBERST AMEN: Wie wurde festgestellt, ob die einzelnen wirklich tot waren
 oder nicht?

 OHLENDORF: Die Einheitsfuehrer beziehungsweise die Fuehrer der Pelotons
 hatten Befehl erhalten, darauf zu achten und gegebenenfalls selbst den
 Fangschuss zu geben.

 OBERST AMEN: Und wessen Aufgabe war dies?

 OHLENDORF: Das tat entweder der Einheitsfuehrer selbst oder ein von ihm
 dafuer bestimmter Mann.

 OBERST AMEN: In welcher Stellung wurden die Opfer erschossen?

 OHLENDORF: Stehend oder kniend. (...)

 OHLENDORF: Einige Einheitsfuehrer verzichteten auf die militaerische
 Liquidationsweise und fuehrten die Toetung einzeln durch Genickschuss
 durch.

 OBERST AMEN: Und Sie waren gegen ein derartiges Vorgehen?

 OHLENDORF: Ich war gegen dieses Vorgehen, jawohl.

 OBERST AMEN: Aus welchem Grund?

 OHLENDORF: Weil es sowohl die Opfer als auch die, die zur Toetung
 befohlen waren, unendlich seelisch belastete."

[Der Nuernberger Prozess: Sechsundzwanzigster Tag. Donnerstag, 3.
Januar 1946, S. 25 ff. Digitale Bibliothek Band 20: Der Nuernberger
Prozess, S. 4110ff. (vgl. NP Bd. 4, S. 352 ff.)]

Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass es sich um eine sehr sinnvolle
und brauchbare CD handelt. Wie bei allen digitalen Editionen dieser
Art steht auch bei ihr zweifellos eher die Suche nach einzelnen
Textstellen im Vordergrund. In der schnellen und unkomplizierten
Form, in der dies moeglich ist, liegt auch der entscheidende Vorteil
gegenueber der Buchausgabe. Hingegen erweist sich das Lesen
laengerer Textabschnitte am Bildschirm - aufgrund der Groesse des
Ausschnitts - als etwas ermuedend. Der Verzicht auf die Aufnahme des
weitere 18 Baende fuellenden gedruckten Dokumentenanhangs wird damit
begruendet, dass die meisten als Beweismittel zugelassenen Dokumente
waehrend der Verhandlungen vollstaendig oder in Auszuegen verlesen
wurden und ausserdem ihre Reproduktion den Preis vervielfacht
haette. Diese Begruendung vermag aus meiner Sicht nicht zu
ueberzeugen. Die Dokumente haetten den wissenschaftlichen Wert
dieser Edition zweifellos enorm gesteigert. Geschichte hat
Konjunktur, zumal wenn sie auf diesem vergleichsweise modernen
Medium praesentiert wird. Die Tatsache, dass die CD sogar in einem
Boulevardblatt wie dem Koelner Express lobend erwaehnt wurde, gibt
zu der Hoffnung Anlass, dass ihr eine weite Verbreitung beschert
sein koennte.

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