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H-NET BOOK REVIEW
Published by H-Soz-u-Kult@h-net.msu.edu (October, 1999)

Cornelia Schmitz-Berning.  Vokabular des Nationalsozialismus_.  Berlin
und New York: Walter de Gruyter, 1998.  Bibliographie.  XLI + 710 S.  DM
128 (gebunden), ISBN 3-11-013379-2.

Rezensiert fuer H-Soz-u-Kult von Prof. Dr. Frank-Rutger Hausmann
Frank-Rutger.Hausmann@lrz.badw-muenchen.de, z.Zt. Historisches Kolleg
Muenchen

Die menschliche Sprache ist nicht statisch, und sie kann dies auch nicht
sein, da sie einer sich staendig wandelnden Lebenswirklichkeit Rechnung
tragen muss. Ihre Veraenderung zeigt sich am deutlichsten im Bereich der
Neologismen, der Woerter, die entweder durch Ableitung, Komposition oder
Umdeutung 'erfunden' bzw. aus fremden Sprachen entlehnt werden, um auf
politische, technische, militaerische, wirtschaftliche, kulturelle usf.
Veraenderungen reagieren zu koennen. Aber das ist nur der sicht- oder
hoerbarste, letztlich aber auch oberflaechlichste Bereich eines laufenden
Sprachwandels. Subtiler sind die psychologischen Unterstroemungen, die
Sprachen in ihrer Substanz veraendern und die auf Nachlaessigkeit,
Sprachoekonomie, Normabschleifung, Analogie, Manipulation, gesetzliche
Regelungen usf. zurueckgefuehrt werden koennen.

Victor Klemperer ist der erste, der sich systematisch mit der Sprache des
Dritten Reiches beschaeftigt hat [1]. Er erfand fuer sie, sozusagen als
Spott auf die Vorliebe der Nazis fuer Abkuerzungen und ihre Ablehnung
klassischer Bildung, den lateinischen Begriff LTI (Lingua tertii imperii).
Bereits kurz nach 1933 begann er, einschlaegiges Material zu sammeln und
kapitelweise zu ordnen. Dabei ging es ihm eher um eine Charakterisierung
des sprachlichen Zustandes, wie ihn die Nazis, aber auch der Volksmund,
vielfach als Reaktion auf Zwang von oben, gepraegt hatten, als um eine
vollstaendige Erfassung der NS-Sprache. So findet man in 'LTI' Aperyus
ueber Abkuerzungen, Eigennamen, Modewoerter, Witze, Zeitungssprache,
futurischen und praesentischen Tempusgebrauch, Krieg und Sprache und v.a.
mehr. Klemperer geht es immer zugleich auch darum, den Un-Geist des
Nationalsozialismus blosszulegen und seine zynische Verlogenheit an Hand
der Sprache zu denunzieren. Er waehlt signifikante Beispiele aus, aber
insgesamt entsteht doch ein deutlich konturiertes Bild des Nazi-Idioms mit
seinen unterschiedlichen Veraestelungen.

In drei Jahrgaengen der Zeitschrift 'Die Wandlung' (1945-48) unternahmen
Dolf Sternberger, Gerhard Storz und W.E. Sueskind unmittelbar nach
Kriegsende etwas Aehnliches. Ihnen ging es um den Wortschatz der Nazis,
ihren gewalttaetigen Satzbau, ihre verkuemmerte Grammatik, ihren
monstroesen und zugleich krueppelhaften Wortbestand. Sie trugen zahlreiche
Beispiele dafuer zusammen, "wie der Unmensch auch aus einem harmlosen,
geselligen, ja man moechte sagen freiheitlichen Wort das schiere Gegenteil
hervorzieht" [2]. Auch ihr Baendchen wurde zu einem 'Klassiker' der
Sprachkritik und immer wieder aufgelegt. Doch wenn die Verfasser gehofft
hatten, das endlich (wieder) demokratisch gewordene Deutschland werde sich
nun um einen pfleglicheren Umgang mit seiner Sprache bemuehen, als dies in
der NS-Zeit der Fall war, so sahen sie sich enttaeuscht. "Das Woerterbuch
des Unmenschen ist das Woerterbuch der geltenden deutschen Sprache
gebieben, der Schrift- wie der Umgangssprache, namentlich wie sie im Munde
der Organisatoren, der Werber und Verkaeufer, der Funktionaere von
Verbaenden und Kollektiven aller Art ertoent" (ebd., S. 10). Eckhard
Henscheid trug dem Rechnung mit seiner 'Dummdeutsch' betitelten
Sprachkritik, die "diese genetisch manchmal kaum sortierbare und sehr
gallertartige Aufschuettung aus Neo- und Zeitlosquatsch, aus verbalem
Imponiergewurstel bei gleichzeitiger Verschleierungs- und
Verhoehungsabsicht" inkriminiert [3], die sich heute vielfach und
vielerorts breitgemacht hat.

Die Verfasserin des hier anzuzeigenden Nachschlagewerks stuetzt sich zwar
auf Klemperer und Sternberger, will jedoch etwas anderes. Sie hat weniger
ein sprachkritisches, als ein sachorientierendes Ziel: "Dieses
Nachschlagebuch zum Vokabular des Nationalsozialismus will Germanisten,
Historikern, Politologen, Journalisten und sonstig sprachhistorisch
Interessierten einen Einblick in die Geschichte und die speziellen
Verwendungsweisen von Ausdruecken, Organisationsnamen und festen Wendungen
geben, die sich dem offiziellen Sprachgebrauch im NS-Staat zuordnen
lassen" (S. VI). Als erste hauptsaechliche Quellenbasis dienen ihr die
'Meldungen aus dem Reich' (MADR) in der Edition von H. Boberach (1984),
weiterhin 'Bayern in der NS-Zeit' (Hg. M. Broszat), 'Volksopposition im
Polizeistaat' (Hg. B. Vollmer), 'Anweisungen der Pressekonferenz der
Reichsregierung des Dritten Reichs' (sog. Presseanweisungen), 'Der
Nuernberger Prozess' (Sitzungsprotokolle des Verfahrens gegen die
Hauptkriegsverbrecher) und 'Blick in die Zeit' (eine erst nach 1933 von
Sozialdemokraten gegruendete und finanzierte Wochenschrift, ein
Pressespiegel mit dem Untertitel 'Pressestimmen des In- und Auslandes zu
Politik, Wirtschaft und Kultur'). Durch Auswertung und Vergleich dieser
hoechst unterschiedlichen Textsorten wurden diejenigen Begriffe ermittelt,
die so haeufig und wichtig waren, dass sie im vorliegenden Repertorium
lemmatisiert werden sollten. Jeder Artikel hat ein festes Aufbauschema: Zu
Beginn erfolgt paraphrasierend die Angabe der Bedeutung, die ein Begriff
im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten hatte. Dann schliesst sich,
soweit moeglich, die Geschichte des Wortgebrauchs vor der NS-Zeit an. Der
Hauptteil dokumentiert die Verwendungsweisen des Ausdrucks in den
unterschiedlichen Phasen des Dritten Reichs, wobei die Verfasserin
Pamphlete, Zeitungen, Zeitschriften, Lexika, Enzyklopaedien, Tagebuecher
und persoenliche Aufzeichnungen von Zeitzeugen konsultiert hat, insgesamt
eine staunenswerte Fuelle einschlaegiger Texte. Auf diese methodisch
ueberzeugende Weise ist ein Repertorium entstanden, das hoechsten
Anspruechen genuegt und bei zentralen Begriffen selten seine Hilfe
versagt. Fuer jeden, der sich mit der NS-Zeit befasst, ist es hinfort ein
unabdingbares Nachschlagewerk.

Das hier gewaehlte Verfahren garantiert zwar die Qualitaet der
Gesamtanlage sowie der einzelnen Eintraege, aber es schliesst
Vollstaendigkeit aus und muss dies bei der Ausfuehrlichkeit der einzelnen
Eintraege auch tun. Diese bilden vielfach kleine Essays, die man durchaus
selbstaendig lesen kann. Frau Schmitz-Berning legt ihren Schwerpunkt in
den Bereich des 'offiziellen' Nationalsozialismus, seiner Zentralbegriffe
und seiner Institutionen. Sprechende Termini wie Arbeit (13), Blut (18),
deutsch (16), Erbe (14), Jude (8), Leistung (9), national (9), Rasse (36),
Reich (14), Sippe (9), um nur diejenigen zu nennen, die starke Wortfelder
bilden [4], sind erschoepfend dokumentiert. Dabei ist zwischen Begriffen
zu unterscheiden, die die Nazis vorfanden, solchen, die sie umdeuteten und
zu guter Letzt solchen, die sie erfanden. Sie waren uebrigens auch
bezueglich der Sprache viel weniger originell, als man meinen koennte,
waren jedoch Meister im Verfaelschen und Abwandeln des vorgefundenen
Sprachmaterials. Damit ist zwar auch einiges ueber den Geist ihrer
Redeweise ausgesagt, die sich jedoch erst wirklich in der Lektuere von
Texten aus der Zeit erschliesst, z.B. Zeitungstexten.

Ich zitiere einen beliebigen Text zur Exemplifikation dessen, was ich
meine: "So konnte das deutsche Volk, dank der von der Bewegung geleisteten
Schulungs-und Erziehungsaufgabe, seinen Gegnern einen seelischen
Machtfaktor entgegensetzen, der es unueberwindlich machen musste. Die
haerteste Bewaehrungsprobe, der nunmehr die Nation unterworfen war, wurde
bestanden, weil in zwei Jahrzehnten die Voraussetzungen hierfuer
geschaffen worden waren. Das deutsche Volk von heute ist von dem
sittlichen Ernst und der tiefen Verantwortung, die diese Zeit erheischt,
durchdrungen, es weiss, dass an seiner Spitze ein Mann steht, der nichts
von ihm verlangt, was er nicht selbst tausendfach geleistet hat" [5]. Der
Journalist verwendet in seinem Beitrag ethische Begriffe
(Erziehungsaufgabe, seelischer Machtfaktor, sittlicher Ernst, tiefe
Verantwortung), die allerdings durch die Untaten des NS-Regimes ein fuer
alle Mal ihre Unschuld eingebuesst haben, die wir aber dennoch heute
wieder verwenden und in ihre alte Bedeutung eingesetzt haben. Hier liesse
sich lange spekulieren, ob Sprache neutral und unschuldig ist und sich ihr
eigentlicher Sinn nur aus dem jeweiligen Kontext erschliesst, oder ob sie
revelatorisch fuer den Charakter eines Volkes und damit verantwortlich
fuer sein politisches Verhalten ist.

Der oben zitierte Text lehrt, dass die damalige Alltagswirklichkeit
sprachlich komplexer war, als das vorliegende Nachschlagewerk glauben
macht, das den Wortschatz auf statistisch haeufige Zentralbegriffe
reduziert und die Sprache dadurch statisch einengt. Die Verfasserin hat
dem im uebrigen Rechnung getragen, dass sie vom 'Vokabular' des NS
spricht, was einen restringierten Bereich andeutet. Es lassen sich daher
beliebig viele Wortketten aus unterschiedlichen Sektoren bilden, die hier
nicht erfasst sind, z.B. Reichstagsbrand, Nacht der langen Messer,
Buecherverbrennung;  Stuka, Pak, Flak; Ersatzkaffee, Spinnstoff,
Reichskleiderkarte;  Wunschkonzert, Soldatensender, Erlebnisurlaub;
Alpenfestung, Fuehrerbunker, Geleitzug; Christbaum, Entwarnung,
Terrorangriff; Bolschewik, Gaskammer, Kommissarbefehl; Dozentenakademie,
Reichsforschungsrat, Wissenschaftslager. Abkuerzungen, zumal
militaerische, aber auch Begriffe, die die Lebensmittelversorgung und die
Mangelwirtschaft, die Unterhaltung, den Bombenkrieg und den Bildungssektor
beruehren, um nur einige signifikante Bereiche zu benennen, kommen zu
kurz. Dies darf man nicht der Verfasserin anlasten, die keine
vollstaendige Darstellung der deutschen Sprache im Dritten Reich bieten
konnte und wollte, aber mir scheint hier noch erheblicher forscherischer
Nachholbedarf zu bestehen. Dies soll abschliessend mit einem weiteren
Passus aus dem bereits zitierten Artikel der Pariser Zeitung unterstrichen
werden: "Nahezu jeder Tag stellt die Partei vor neue Probleme, die
schnellste Loesung verlangen. Als im Verlauf des Krieges eine Verstaerkung
des Fraueneinsatzes erforderlich wurde, trat die Notwendigkeit der
Errichtung vieler tausend zusaetzlicher Schwesternstationen und
Kindergaerten der verschiedensten Art zu Tage. Die Partei loeste diese
Aufgabe ebenso rasch und erfolgreich, wie sie die Kinderlandverschickung
ausbaute und die Zahl der Muettererholungsheime vermehrte. Ob es weiter
die kulturelle Arbeit ist, bei der vor allem der Einsatz von 'Kraft durch
Freude' erwaehnt werden muss, die Brachlandaktion, der Bahnhofsdienst, die
Betreuung von Rueckgefuehrten und Fluechtlingen zu Kriegsbeginn, die
Errichtung neuer HJ-Heime, die Sozialarbeit in den Betrieben, die
Altmaterialerfassung, das Entladen von Kohlenzuegen, um nur
stichtwortartig einiges herauszugreifen, alle diese Aufgaben umfassen
nahezu saemtliche Gebiete unseres Lebens". Ein heutiger Leser versteht,
was der Verfasser will, aber er versteht es auch wieder nicht. Wer von den
Juengeren weiss noch, was Kinderlandverschickung, Brachlandaktion oder
Bahnhofsdienst ist? Im Abstand von sechzig Jahren wirkt dieser wie viele
andere Texte aus der NS-Zeit wie aus einer fremden Welt, die uns nicht nur
chronologisch ferngerueckt ist.

Diese Bemerkungen sollen keinesfalls als Kritik verstanden werden, denn
man muss Frau Schmitz-Berning ein grosses Kompliment fuer ihr vorzueglich
dokumentiertes, ausserordentlich sorgfaeltig redigiertes und
benutzerfreundliches Nachschlagewerk machen, das bereits jetzt als
unentbehrliches Standardwerk bezeichnet werden darf.

Anmerkungen:

[1]. Von mir wurde benutzt Victor Klemperer: LTI. Lingua Tertii Imperii.
Die Sprache des Dritten Reiches, Leipzig: Reclam Verlag 1991
(Reclam-Bibliothek 278).

[2]. Von mir wurde benutzt Sternberger / Storz / Sueskind: Aus dem
Woerterbuch des Unmenschen, Hamburg 1957 u.oe., hier zu 'Lager', S. 70.

[3]. Eckhard Henscheid: Dummdeutsch. Ein Woerterbuch. Unter Mitwirkung von
Carl Lierow und Elsemarie Maletzke, Stuttgart 1993 u.oe. (RUB 8865), S. 8.
Er verweist noch auf Th. W. Adornos 'Jargon der Eigentlichkeit' und Karl
Korns 'Sprache in der verwalteten Welt', die in diesem Zusammenhang
interessieren koennten.

[4]. Die Zahlen in runden Klammern geben die Ableitungen an, die von einem
Begriff vorkommen.

[5]. Helmut Lucas: "Die Bewegung im Kriege. Die Bewaehrungsprobe restlos
bestanden - Querschnitt durch die Aufgabengebiete", in: Pariser Zeitung
Nr. 29, 30. Januar 1942, S. 3.


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