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Wolfgang Geiger. L'image de la France dans l'Allemagne nazie 1933-1945. Rennes: Presses Universitaires de Rennes, 1999. 412 S. Index. FR 180 (Gebunden), ISBN 2-86847-374-1. Reviewed by Frank-Rutger Hausmann, Romanisches Seminar der Albert-Ludwigs-Universitaet, Freiburg i.Br.. Published by H-Soz-u-Kult (July, 1999)

Die vorliegende Studie fuellt eine von allen Frankreichforschern bereits haeufig beklagte Luecke. Der Verfasser will die Frage beantworten: "Quelle fut l'image de la France et des Francais sous le III Reich?" (S. 9). Obwohl es eine schier unuebersehbare Zahl einschlaegiger Publikationen gibt, hat sich bisher noch niemand systematisch an dieses Thema herangewagt, wobei die Gruende von Scheu bis Abscheu reichen. Es sei vorweg gesagt, dass Geigers Arbeit eine Art Handbuch darstellt, das viele Werke bekannter Autoren bespricht (z.B. Friedrich Sieburg, Paul Diselbarth, Karl Epting, Friedrich Juenger, Edwin Erich Dwinger u.a.), aber noch mehr unbekanntes Material erschliesst. Unverzeihlich ist allerdings das Fehlen eines Namensindex, was das Nachschlagen unnoetig erschwert. Bei allem gebotenen Kosmopolitismus besteht ein weiterer Nachteil darin, dass das Buch, urspruenglich eine 1996 an der Universite de Nantes eingereichte historische Dissertation, franzoesisch geschrieben ist. Dies fuehrt dazu, dass der Verfasser alle urspruenglich deutschen Zitate ins Franzoesische uebersetzt hat, inklusive der Buchtitel, die sich dann nur in den Fussnoten auch in der deutschen Originalversion mit franzoesischer Uebersetzung finden. In jedem Fall ist dem Buch eine Uebersetzung ins Deutsche zu wuenschen, die gleichzeitig zur Ueberarbeitung und Ergaenzung genutzt werden koennte.

Die Untersuchung weist eine fast kartesianische Dreiteilung auf: Im I. Teil wird das auf Frankreich bezogene Schrifttum der Vorkriegszeit (1933-39), im II. das der Kriegszeit (1939-40) und im III. das der Besatzungszeit (1940-44) analysiert. Man koennte diese drei Abschnitte auch unter die Ueberschriften das 'fremde', das 'gegnerische' und das 'kollaborierende' Frankreich stellen. Geiger bezieht in erster Linie Monographien ein, die das damals gegenwaertige Frankreich betreffen. Erst an zweiter Stelle folgen wichtige Zeitschriften wie die Cahiers franco-allemands / Deutsch-franzoesische Monatshefte, Deutschland-Frankreich, Das Reich oder Volk und Reich. In der Zusammenstellung des ausgewerteten Textkorpus ist nicht immer eine klare Linie zu erkennen, denn gelegentlich werden auch Arbeiten besprochen, die historische Aspekte behandeln, z.B. im Falle von Carl Schmitt (s.u.). Die Verfasser all dieser Frankreichbuecher und -artikel sind zunaechst einmal Reisende, sodann Schriftsteller, Essayisten, Journalisten und Reporter, aber auch Deutschlektoren, Militaers, Professoren, Verwaltungsbeamte und Parteifunktionaere. So wird der Leser mit diversen Textsorten unterschiedlichen Niveaus konfrontiert. Doch da der Verfasser Historiker ist, interessiert ihn der aesthetische Gehalt seiner Quellen nicht besonders. Er referiert in chronologischer Reihenfolge im wesentlichen ihren Inhalt, buendelt zusammengehoerige Titel und flicht gelegentlich ideologiekritische Bemerkungen ein.

Im Titel des Buchs wird der 'Bild'-Begriff verwandt, und Geiger weiss natuerlich, dass es eine literaturwissenschaftlich-komparatistische Untersuchungsmethode gibt, die 'Imagologie' heisst (S. 9). Aber er laesst es bei diesem Hinweis bewenden und benutzt diese Untersuchungsweise nicht, obwohl sicherlich die Haelfte seiner Texte primaer literarischer Natur sind. Die Imagologie will keine 'voelkisch' verankerten Sonderarten ausmachen, sie strebt vielmehr danach, "die jeweiligen Erscheinungsformen der images sowie ihr Zustandekommen und ihre Wirkung zu erfassen. Ausserdem will sie auch dazu beitragen, die Rolle, die solche literarischen images bei der Begegnung der einzelnen Kulturen spielen, zu erhellen. Bei alledem lautet aber das oberste Prinzip: "Imagologie ist nicht Teil eines ideologischen Denkens, sondern vielmehr ein Beitrag zur Entideologisierung".[1] Dieses Verfahren laesst sich natuerlich auch auf andere Quellenarten uebertragen, denn der Verfasser beruecksichtigt ausser grossen Frankreichbuechern noch militaerische, diplomatische und kulturpolitische Akten (vgl. die Uebersicht auf S. 405; im wesentlichen handelt es sich um Dokumente aus dem Politischen Archiv des Auswaertigen Amtes in Bonn und der Bundesarchive in Koblenz bzw. des dazu gehoerigen Militaerarchivs in Freiburg), dazu wissenschaftliche Aufsaetze von Historikern, Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern, Philosophen, Kunstkritikern und Romanisten. Diesbezueglich ist Geiger nicht ganz konsequent, denn zu Beginn hatte er den Eindruck erweckt, sich vorzugsweise auf unterschiedliche Berichte zum (damals) gegenwaertigen Frankreich zu beschraenken. Nun soll hier nicht gesagt werden, dass Geiger keinen ideologiekritischen Standpunkt haette - es ist der eines quellenkritisch geschulten Historikers, der auf dem Boden des demokratischen Rechtsstaates und der deutsch-franzoesischen Aussoehnung steht -, aber es genuegt bei den einzelnen Texten nicht, kurze Hinweise auf Ausbildung und Funktion des Verfassers zu geben, um die Stereotypen, Vorurteile und Klischees zu verdeutlichen, die nun einmal zur Tradition wesenskundlicher Arbeiten gehoeren und sehr stark durch das 'Feld', dem ein Verfasser zuzuordnen ist, konditioniert werden. Auch sind die gebotenen Angaben im allgemeinen sehr summarisch.

Offen bleibt weiterhin die Frage, wer eigentlich durch die Frankreichberichte informiert und beeinflusst werden sollte, wenn man beruecksichtigt, dass die Publikationen im gleichgeschalteten Deutschland nur wenig Spielraum fuer eine differenzierte Meinungsbildung liessen. Zwar brachten die meisten Deutschen und somit auch die hier zu Wort kommenden Autoren franzoesischer Kultur und Lebensart viel Sympathie entgegen, doch wirkte das Trauma der 'Schande von Versailles' bei den meisten immer noch nach. Insofern wurde der Sieg vom Mai-Juni 1940 als gerechte Vergeltung empfunden. Hinfort sollten sich die weltpolitischen Gewichte verschieben, nicht mehr Frankreich mit seiner Kultur auf dem europaeischen Kontinent bestimmen, sondern Deutschland, das wiedergeborene 'Reich'. Diejenigen sahen sich endlich bestaetigt, die in Frankreich laengst eine 'verbrauchte Nation' erblickt hatten, die dem durch den Nationalsozialismus geeinten und gestaehlten Reich nichts Ebenbuertiges entgegenzusetzen haette und dessen Armeen binnen kurzem von der effizienten deutschen Kriegsmaschine sozusagen zermalmt worden sei. Wenngleich sich nach dem Krieg die Abetz, Epting, Sieburg und wie sie alle hiessen darauf beriefen, im Grunde genommen auch im NS-Staat im Sinne von Locarno fuer ein franzoesisch-deutsches Miteinander eingetreten zu sein, entlarvt sich dies schnell als Notluege oder Selbsttaeuschung.

Nur einmal erwaehnt Geiger Hitler (S. 41), der in Mein Kampf deutlich gemacht hatte, was er von Frankreich hielt. Und derartige Aeusserungen, die um solche von Rosenberg, Goebbels und anderen Nazigroessen ergaenzt werden koennen, gaben damals den Ton an. Hitlers Frankreichaversion war ueberdeutlich, und sie fuehrte dazu, was von Geiger nicht erwaehnt wird aber fuer das Verstaendnis der deutsch-franzoesischen Beziehungen kapital ist, dass in den Schulen 1935 das Franzoesische auf Platz 3 der Fremdsprachen zurueckgestuft wurde, das in der Weimarer Zeit ausserhalb der Humanistischen Gymnasien meist die erste erlernte Sprache gewesen war. Die allgemein verbindliche Deutsche Oberschule bot nur noch Unterricht in Englisch und Latein als Regelsprachen an, Franzoesisch wurde Wahlfach. Englisch und Latein galten Hitler als 'imperiale Sprachen', Franzoesisch hielt er fuer ueberfluessig. Man brauchte nur das jedermann zugaengliche Programmpamphlet Mein Kampf zu lesen, von dem bis 1943 fast 10 Millionen Exemplare in 800 Auflagen verbreitet worden waren, um zu verstehen, warum. Ein einziger Satz Hitlers wie "Dieses an sich immer mehr der Vernegerung anheimfallende Volk [sc. die Franzosen] bedeutet in seiner Bindung an die Ziele der juedischen Weltbeherrschung eine lauernde Gefahr fuer den Bestand der weissen Rasse Europas" (Mein Kampf, Volksausg. 1939, S. 704) genuegte als Erklaerung. Doch die platten Klischees der voellig unwissenschaftlichen Rassenkunde, die aufgrund ihrer unempirischen Beliebigkeit auch in einer Epoche, die noch nichts von Genetik wusste, zu Recht bloss als 'Kunde', nicht als Wissenschaft einzustufen war, wurden nur allzu gerne geglaubt. In diese Kerbe hieb auch Alfred Rosenberg mit seinem Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts (1930): "Wer heute auf das demokratisierte, von schlauen Rechtsanwaelten missregierte, von juedischen Bankiers ausgepluenderte, geistreich schillernde und doch nur noch von einer Vergangenheit zehrende Frankreich blickt, der vermag sich kaum vorzustellen, dass dieses Land einst vom Norden bis zum tiefsten Sueden im Brennpunkt heroischer Kaempfe gestanden hat, die ueber ein halbes Jahrtausend Gestalten kuehnster Art erzeugten und die, umgekehrt, durch Maenner heldischer Gesinnung immer wieder neu entfacht wurden. Wer unter den 'Gebildeten' weiss heute wirklich etwas von dem gotischen Toulouse, dessen Ruinen noch jetzt vieles von einem stolzen Menschentum erzaehlen? [...] Als letztes Ueberbleibsel des Westgotentums liegt hier [= Suedfrankreich, FRH] nur noch die einzige protestantische Hochschule Frankreichs: Montauban" (Ausg. Muenchen 125.-128 Aufl. 1938, S. 88f.). Geigers Textpanorama wirkt vor diesem Hintergrund allzu idyllisch, denn auch bezueglich Frankreichs kann man wieder von einer 'doppelten Buchfuehrung' des Nationalsozialismus sprechen. Es gab das Schrifttum a la Gott in Frankreich, das die franzoesische Kultur bewunderte, aber auch politisches, das im positiven Fall Kollaboration einforderte, im negativen Frankreich fuer alle Zeiten klein und gedemuetigt sehen wollte. Davon wird in der vorliegenden Untersuchung zu wenig einbezogen, da es sich meist in Zeitschriften findet.

Eine Schaltstelle fuer die deutsch-franzoesischen Beziehungen war zweifellos das die meiste Kriegszeit ueber von Karl Epting geleitete Deutsche Institut (DI) in Paris. Von hier aus wurden Lektoren betreut, Gastvortraege organisiert, Uebersetzungen in Auftrag gegeben, aber auch franzoesische Intellektuelle nach Deutschland begleitet. Geiger kann hier an die Vorarbeiten von Barbara Unteutsch[2] und Eckard Michels[3] anschliessen, die er um eigene Archivrecherchen ergaenzt. Er zitiert (S. 255f.) ausfuehrlich aus den Monats- und Arbeitsberichten der deutschen Lektoren in Angers, Besancon, Bordeaux, Nantes, Marseille, Nizza, Paris, Poitiers und Tours, die hoechst willkommene Zustandsschilderungen des besetzten Frankreich enthalten.

Nun gibt es zwar Ansaetze einer Epting-Forschung, aber mangels fehlender Korrespondenzen liegt vieles noch im dunkeln. So hat auch Geiger nur wenige der einschlaegigen Titel der von Epting unter dem Pseudonym Mathias Schwabe edierten antifranzoesischen Pamphlete (sog. Schwarze Reihe) ausgewertet (S. 139, 144, 171f., 186), die im Kontext gesehen werden muessen. Sie sollten in der 'drole de guerre' noch einmal richtig die Stimmung gegen Frankreich anheizen. Dass ihr Herausgeber eine der einflussreichsten Persoenlichkeiten im Deutsch-Franzoesischen Austausch war und sein sollte, wurde nur muehsam durch das Pseudonym Mathias Schwabe kaschiert. Der Mann mit dem Doppelnamen war Frankreich gegenueber genauso ambivalent. Mal schalt er es, mal lobte er es, je nachdem, was gerade opportun war. Allein die Lektuere der Titel - Frankreich, Zentrale des internationalen Maedchenhandels, Der Kreuzzug der franzoesischen Kardinaele, Hassdichtung in Frankreich, Rauschgift und Verbrechen in Frankreich usw., macht schaudern.[4] So bleibt festzuhalten, dass 'Gemeinschaftswerke', die die NS-Wissenschaftsbuerokratie an die Stelle von Individualforschung setzen wollte, im vorliegenden Band zu kurz kommen. Denn auch von den Kriegseinsatzschriften der sog. Aktion Ritterbusch werden nur Knauer, Leube und Neubert gewuerdigt (S. 348f.). Zu diesem Einsatz gehoert immerhin der von Karl Heinz Bremer fuer Deutschland-Frankreich (Heft 2, 1942) eingeworbene Beitrag von Carl Schmitt ueber "Die Formung des franzoesischen Geistes durch die Juristen", den Geiger ausfuehrlich wuerdigt (S. 271). Der romanistische Teil des 'Kriegseinsatzes' stand unter dem Motto 'Frankreich, sein Weltbild und Europa' und war das bedeutendste Unterfangen der deutschen Hochschulromanistik zum Frankreichbild im Dritten Reich ueberhaupt. Und auch der historische Teil der 'Aktion Ritterbusch','Das Reich und Europa', beinhaltete wichtige Frankreichpublikationen.[5] Hinzuzufuegen waeren noch diverse Arbeiten der volksdeutschen Forschungsgemeinschaften, auf die juengst Michael Fahlbusch hingewiesen hat,[6] um nur die wichtigsten und umfassendsten Gemeinschaftswerke zu nennen. Fahlbusch geht davon aus, dass es unterschiedliche 'Thinking tanks' gegeben habe, die die Nazis wissenschaftlich berieten. Diesbezueglich waere im Hinblick auf Frankreich auch auf die von Franz Alfred Six ins Leben gerufene Auslandswissenschaftliche Fakultaet der Friedrich-Wilhelms-Universitaet in Berlin hinzuweisen.[7] In den Jahrgaengen 1941-44 des von Six herausgegebenen Jahrbuch fuer Politik und Auslandskunde wird regelmaessig ueber alle selbstaendigen Laender berichtet, natuerlich auch ueber Frankreich. Der Frankreich-Referent war der Direktor der Frankreichabteilung des Auslandswissenschaftlichen Instituts, Ernst Wilhelm Eschmann. An dieser Fakultaet wurden Dolmetscher, Verwaltungsbeamte und NS-Funktionstraeger ausgebildet, d.h. die zukuenftigen mit dem Ausland befassten Eliten. Waehrend seiner Kaltstellung habilitierte sich Epting bei Six in franzoesischer Landeskunde. Die von Eschmann verfassten Berichte harren noch einer gruendlichen Auswertung.

Sehr aufschlussreich sind last but not least auch die Ausfuehrungen Geigers zur bretonischen Autonomie, die 1941 mit der Gruendung eines Keltischen Instituts in Rennes ihren sichtbaren Ausdruck fanden. So sehr alle diejenigen, die ueber Frankreich schrieben, sich bemuehten, die Autonomie seiner Kultur zu wuerdigen, auch wenn gelegentlich zumindest fuer den Norden eine rassischsprachliche Naehe zum Germanentum behauptet wurde, die Bretonen durften auf Autonomie hoffen und wurden viel besser behandelt als die uebrigen Regionen, beispielsweise die Provence oder Burgund. Seit der Kaiserzeit erfreuten sich keltische Separatisten besonderer deutscher Aufmerksamkeit, und juengst hat Lerchenmueller nachgewiesen, dass die Keltologie als akademische Speerspitze machtpolitischrassistisch motivierter Agression im Kriege diente.[8] Seine Forschungen ergaenzen sich gut mit denen Geigers, der durch seine berufliche Taetigkeit der Bretagne besonders verbunden ist.

Geiger bietet eine Fuelle von Namen und zeichnet ein klar konturiertes Bild frankreichkundlicher Publikationen im Untersuchungszeitraum. Es versteht sich aber von selber, dass dieses Bild nicht vollstaendig sein kann, insbesondere nicht im Bereich der Zeitschriften oder des Fachschrifttums, stamme es nun von Romanisten, Kunsthistorikern, Juristen, Historikern oder Geographen. Ein Rezensent sollte sich zunaechst mit dem auseinandersetzen, was der rezensierte Autor geleistet hat, und dies verdient hohe Anerkennung. Aber Geiger fordert Vorschlaege zur Vervollstaendigung dadurch heraus, dass sein Textcorpus immer heterogener wird, je weiter das Buch voranschreitet. Und da zu erwarten ist, dass so bald kein neuer Versuch unternommen wird, das gestellte Thema zu behandeln, moegen fuer den kritischen Leser weitere Hinweise nicht unnuetz sein.

Greifen wir eine der Schluesselfiguren der deutsch-franzoesischen Beziehungen heraus, der Geiger mehrfach laengere Abschnitte widmet. Es handelt sich um Karl Heinz Bremer (1911-1942), bis zu seinem Tod an der Ostfront ab 1940 stellvertretender Leiter des Deutschen Instituts in Paris und nach Epting der 'zweite Mann' des DI. Ab 1936 schrieb er als Frankreichspezialist regelmaessig in Deutsches Volkstum (ab 1939 wurde der Untertitel 'Zeitung aus der wissenschaftlichen Welt' zum Haupttitel), pro Heft etwa fuenf Beitraege. Es handelte sich um eine regimenahe Zeitschrift, die mit einem festen Leserkreis rechnen konnte, da sie viele allgemein interessierende Aspekte aus Literatur, Politik, Geschichte, Film, Musik, Philosophie, Religion und Tagesgeschehen behandelte. Die Lektuere der Bremerschen Artikel lehrt, was ein durch den Nationalsozialismus geformter Intellektueller von Frankreich dachte und weitergab. Bremer, von dem wir nicht wissen, wer oder was ihn fuer den Nationalsozialismus warb, war militanter Antisemit, Antidemokrat, Pangermanist und Verteidiger des Fuehrerprinzips. Mit anderen Worten: Juden, Republikaner, Sozialisten jeglicher Couleur, vor allem die sog. Bolschewisten, sowie Gegner Grossdeutschlands und seiner Ausdehnungsgelueste standen im Kreuzfeuer seiner Kritik. Seine Artikel, die immer um Frankreich und sein Verhaeltnis zu Deutschland, vor allem um die Kriegsschuldfrage, kreisten, belegen eine profunde Kenntnis der franzoesischen Gegenwartsliteratur, der Presse und der Politik, dazu Vertrautheit mit Land und Leuten, aber keine wirkliche Liebe zum Nachbarland. Bremer, ein sehr gut informierter und ueberzeugter NS-Parteigaenger und Agitator, kannte alle journalistischen Finten und Tricks, schrieb knapp, plakativ und klar. Er beherrschte mehrere journalistische Genres: Reisebericht, Rezension, Pamphlet und Essay. Das bekamen vor allem Andre Gide, Andre Malraux, Leon Blum und die franzoesischen Juden zu spueren, deren angebliche internationale Verschwoerung er geisselte und dabei Edouard Drumont, Henry de Montherlant oder Louis-Ferdinand Celine und sein schreckliches Werk Bagatelles pour un Massacre hochleben liess. Gide wurde immerhin als Suchendem, wenngleich als Irrendem und Entwurzeltem, ein gewisses Verstaendnis entgegengebracht. Bremer trat fuer einen neuen Typus der gegenwartsbezogenen Frankreichkunde ein, die sich mit Geschichte, Politik, Erziehung, Literatur und Kunst unter Einbeziehung aller Medien befasste.[9]

Zahlreiche der 'kleinen Bremers', mit deren Schriften uns Geiger vertraut macht, waren nach dem Krieg wieder in der westdeutschen Nachkriegspresse praesent. In diesem Kontext sei der Hinweis erlaubt, dass auch Geiger, ohne darauf naeher einzugehen, einen wichtigen Beitrag zur Kontinuitaetsfrage zwischen 'Drittem Reich' und der Bundesrepublik liefert. Diejenigen, die Frankreich eher kritisch gesehen hatten, mutierten jetzt zu angesehenen Journalisten, Paedagogen oder Professoren und wurden gar zu Protagonisten der neuen viel beschworenen deutsch-franzoesischen Freundschaft. Die Faelle Friedrich Sieburg und Karl Epting sind bekannt, zumindest zu Sieburg gibt es eine umfangreiche Literatur. Von den allein fuer Das Reich schreibenden und vom Verfasser vorgestellten Autoren (S. 303f.) Eugen Muendler, Karl Korn[x], Otto Philipp Haefner, Werner Stephan, Kurt Pritzkoleit[x], Erwin Mohr, Hubert Neun, Hans Schwarz van Berk[x], Ilse Urbach[x], Frans Rodens, Karl Frahm, Joachim Freyburg, Albert Buesche und Alfred Rapp waren die mit einem Asterisken[x] gekennzeichneten gleich nach dem Krieg wieder bei der jetzt 'demokratischen' Presse taetig.[10]

Greifen wir noch einen anderen Namen heraus, Otto Weise (hier S. 186), der an der 'Schwarzen Reihe' mitwirkte und Frankreich und der deutsche Geist - Franzoesische Bekenntnisse (Berlin 1940) dazu beisteuerte, immerhin das einzige Buch aus Geigers Korpus, das kurz vor Beginn der eigentlichen Kampfhandlungen dem deutsch-franzoesischen Verhaeltnis auch positive Aspekte abgewann. Der Verfasser ist bekannt. Er studierte in Paris und Heidelberg und promovierte 1934 in Jena, war nach dem Zweiten Staatsexamen bis Kriegsbeginn Lektor in Bordeaux, ab September 1939 im Frankreichreferat der Informationsstelle I des von Prof. Fritz Berber geleiteten Deutschen Instituts, das dem AA unterstand, nahm auch am romanistischen Kriegseinsatz teil, war dann Soldat und lebte im Ruhestand in den achtziger Jahren in Stuttgart. Der aufmerksame Leser der Klemperer-Tagebuecher wird ihn jedoch 1948 als Verlagslektor und Prokurist bei Teubner in Leipzig, also in der SBZ, wiederfinden, als er versucht, Klemperer als Autor zu gewinnen: "Nachm. gegen 18 h (1.X.) Von 12 - gegen 17 war Dr Weise hier, um meinetwillen heruebergekommen. Romanist, Dolmetscher, vor dem 2 Weltkrieg Lektor an der Univ. Bordeaux, Schueler Vosslers, Hatzfelds, promoviert bei Gelzer, jetzt Prokurist bei Teubner".[11] Auch Weise ist ein typischer Vertreter einer Elite, die jedem Regime dient, heisse es nun Weimarer Republik, NS-Staat, SBZ oder BRD, und der die jeweils angesagte Frankreich-Politik muehelos vertrat. Der Punkt kann hier nicht vertieft werden, waere aber weitere Recherchen wert. Nicht von ungefaehr hat es mehr als ein halbes Jahrhundert gedauert, bis solche Arbeiten wie die vorliegende geschrieben werden konnten und wurden.

Deutschland und Frankreich ruecken raeumlich immer naeher, aber ihre Bevoelkerungen wissen nicht viel voneinander oder meist nur Oberflaechliches. Den unterschiedlichen Berichterstattern kommt dabei eine tragende Rolle zu. Das vorliegende Buch schilderd aspektreich und zielorientiert eine der schwierigsten Phasen des Miteinander. Aufgrund der Vielschichtigkeit zwischenstaatlicher Beziehungen, werden die Beziehungen haeufig von Vorurteilen ueberschattet. Das vorliegende Buch unternimmt einen wichtigen Ansatz zur Aufhellung. Es liefert aber nicht nur viele wichtige Informationen, es kann und sollte auch als als Ausgangspunkt fuer weitere Recherchen genutzt werden.

Anmerkungen:

[1]. Hugo Dyserinck, Komparatistik. Eine Einfuehrung. Bonn: Bouvier 2. Aufl. 1981, S. 125-133, hier S. 131.

[2]. Barbara Unteutsch, Vom Sohlbergkreis zur Gruppe Collaboration. Ein Beitrag zur Geschichte der deutsch-franzoesischen Beziehungen anhand der Cahier franco-allemands / Deutsch-franzoesische Monatshefte 1931-1944. Muenster: Kleinheinrich 1990 (Muenstersche Beitraege zur romanischen Philologie, 7).

[3]. Eckard Michels, Das Deutsche Institut in Paris 1940-1944. Ein Beitrag zu den deutsch-franzoesischen Kulturbeziehungen und zur auswaertigen Kulturpolitik des Dritten Reiches. Stuttgart: Steiner 1993 (Studien zur modernen Geschichte, 46)

[4]. Auflistung bei Hausmann (Anm. 5), S. 313-317.

[5]. Einzelheiten zu dem von Fritz Neubert, Romanistikordinarius in Breslau (ab 1943 in Berlin) geleiteten romanistischen Kriegseinsatz, an dem immerhin 50 Romanisten und Vertreter anderer Disziplinen beteiligt waren, jetzt bei Frank-Rutger Hausmann, "Deutsche Geisteswissenschaft" im Zweiten Weltkrieg. Die "Aktion Ritterbusch" (1940-1945), Dresden-Muenchen: DUP 1998, passim.

[6]. Michael Fahlbusch, Wissenschaft im Dienst der nationalsozialistischen Politik? Die "Volksdeutschen Forschungsgemeinschaften" von 1931-1945. Baden-Baden: Nomos 1999, insbes. S. 399f., 700f. u. passim.

[7]. Lutz Hachmeister, Der Gegnerforscher. Die Karriere des SS-Fuehrers Franz Alfred Six. Muenchen: Beck 1998, S. 123f., 128f. (Eschmann).

[8]. Joachim Lerchenmueller, "Keltischer Sprengstoff." Eine wissenschaftsgeschichtliche Studie ueber die deutsche Keltologie von 1900 bis 1945. Tuebingen: Niemeyer 1997, bes. zum vorliegenden Thema S. 400f.

[9]. Dazu demnaechst ausfuehrlich meine Untersuchung, "Vom Strudel der Ereignisse verschlungen." Deutsche Romanistik im NS-Staat.

[10]. Peter Koepf, Schreiben nach jeder Richtung. Goebbels Propagandisten in der westdeutschen Nachkriegspresse. Berlin 1995, ad Indicem.

[11]. Victor Klemperer, So sitze ich denn zwischen allen Stuehlen. Tagebuecher 1945-1949. Berlin: Aufbau 1999, Bd. I, S. 440 u.oe.

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Last update 17/08/99
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